Muß guter Wein teuer sein? Teil 1: Die Kurve

Wer als  geneigter Weinfreund die Preisentwicklungen aktueller Spitzengewächse verfolgt, ob aus Europa oder Übersee, reibt sich seit einigen Jahren verwundert die Augen: Für Top-Weine gesuchter Jahrgänge werden mittlerweile Preise aufgerufen, für die sich manch anderer einen Kleinwagen kauft – so z.B. diese Flasche Petrus 2000 für sportliche 2.565,55 EUR. Selbst in Subskription kosten Premier Crus und Super Seconds  aus dem Bordeaux, Grand Crus aus dem Burgund, aber auch Überseeweine wie der Screaming Eagle oder Heitz Martha’s Vineyard viele hundert oder sogar tausende Euro.

Auf der anderen Seite gibt es unzählige Weinliebhaber die darauf schwören, das ein guter Wein nicht mehr als 5 Euro kosten muß, nein, darf – alles was teurer ist, befriedigt nur das Ego der Etikettentrinker. Wie immer liegt die Wahrheit natürlich irgendwo in der Mitte- und den steinigen Weg dorthin werden wir in dieser kleinen Serie einschlagen.

Wie verhält es sich also mit dem Wein und seinem Preis? Ist der Petrus für 2,500 EUR wirklich dreihunderzwölf mal besser als der Côtes du Rhône von Guigal?

Ich bemühe dafür immer gerne das Bild einer exponentiell wachsenden Kurve. Am Anfang stehen Preiszuwachs und Qualität in einer sehr vernünftigen Relation. Ein Wein für 20 Euro kann durchaus um Kategorien besser sein als einer für 5. Im Bereich bis 40 Euro ist der Qualitätszuwachs schon geringer, kann aber noch deutlich spürbar sein. Im Bereich von 40 bis 80 Euro steigt der Preis weiter an, die objektive Qualität aber kaum noch: Hier bezahlt man im besten Fall für mehr Konzentration,  Terroir und Eigenständigkeit, im schlechtesten Fall für den Namen. Auch darüber hinaus kann die Qualität noch besser werden – aber hier geht es dann nur noch um Nuancen, um Exklusivität und natürlich Spekulation – aber dazu später einmal mehr. Der Gegenwert, den ich pro ausgegebenem Euro erhalte, wird mit steigendem Preis immer geringer – der Return on Investment geht irgendwann gegen Null.

Und das alles gilt natürlich nur für den bestmöglichen Fall, denn ich kann auch jede Menge Geld für einen Wein ausgeben, der mir kaum zusätzliche Freude bereitet. So haben wir auch schon mal für eine Flasche Clos de Bèze 80 Euro auf den Tisch des Herrn gelegt und wurden bitterlich enttäuscht – da war dann ein einfacher Santenay für 13 Euro der klar bessere Wein. Auch im oberen Bereich der Kurve ist man also nicht vor Enttäuschungen gefeit.

Wer aber Wein nicht nur unter dem Diktat einer nüchternen Kosten/Nutzen Analyse sieht, wird dennoch irgendwann den sicheren Hafen des soliden und im wahrsten Sinne des Wortes preiswerten Trinkweines verlassen wollen und sich auf eine Entdeckungsreise auch durch die hochpreisigere Weinlandschaft begeben – und dabei wird sich einem aufgeschlossenen Amateur du Vin eine ganz neue Welt jenseits der Basisqualitäten eröffnen – die auch ihr Geld wert sein kann.

Im nächsten Teil der Serie bleiben wir aber erst einmal genau dort – was macht einen guten Alltagswein aus und wie stelle ich ein möglichst abwechslungsreiches und preiswertes Sortiment zusammen.

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