Parker wertet 2008er Bordeaux ab

Irgendwie war es ja zu erwarten. Unser allseits verehrter Weinpapst Robert Parker hat aktuell seine hohen Einschätzungen für den 2008er Jahrgang in Bordeaux durch die Bank nach unten verlegt.

Doch kein Spitzenjahr. Sorry!

O.K, man kann sich ja mal irren, nur ist das ist nach 2007 nun schon das zweite Mal. Oder steckt hinter der anfänglichen Hochlobpolitik etwas anderes?

Ich hatte bei der Vorstellung der gefüllten Weine bei der ProWein in diesem Jahr den Eindruck, daß der Jahrgang nicht wirklich überragend ist und wundere mich bei einzelnen Weinen über die, wie ich finde, immer noch zu hohe Bewertung. Trotzdem gibt es gute Weine, die kosten aber leider in der Regel zuviel.

Für uns Normalverdiener sind die meisten Grand-Crus, die wirklich top sind mittlerweile eh nicht mehr zu bezahlen. Auch wenn man mich einen Träumer nennen mag: Ich erinnere mich, daß ich noch 90er Latour für 75 Mark gekauft habe, und ich fand das da schon ganz schön viel Geld für eine Flasche Wein.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den Topweinen ist jahrgangsunabhängig natürlich in keinster Weise mehr realistisch. Schade, daß viele wirkliche Weinliebhaber keinen Zugriff mehr darauf haben, außer sie nähmen eine Hypothek auf Ihr Haus auf, um ein paar Fläschchen zu ergattern.

Ist das ein Verlust für uns?

Natürlich!

Man würde gerne mal wieder das obere Ende der Fahnenstange sehen, aber das ist ja selbst bei Verkostungsveranstaltungen der Union des Grands Crus nicht mehr zu bekommen.

Das gemeine Volk verdient den edlen Reebensaft des Bordelais wohl einfach nicht mehr.

Vive la France! Ein weiterer Sturm auf die Bastille wäre da wohl mal angebracht.

Als zivilisierte Menschen verzichten wir aber lieber gelassen, schauen uns in der Welt des bezahlbaren Weines nach den großartigen Erlebnissen um und überlassen 1.  Crus und Konsorten lieber den Menschen, die sie sich leisten können.

Nochmal zurück zu 2008. Also doch kein Topjahr. Aber die Preise sind top.

Und daß ,weil Parker in einer frühen Phase hoch gepunktet hatte. Da zu diesem Zeitpunkt, wie immer, kein Normalsterblicher in der Lage war, die Weine selbst zu probieren (schließlich ruhten sie ja noch im Faß), war die Subskription des Jahrgangs mal wieder ein Vabanque-Spiel. Der geneigte Leser möge nicht denken, daß das beim Jahrgang 2009 anders sein wird. Vielleicht schmeckt Herrn Parker das alles ja auch nicht mehr so gut wie zu Anfang? Wer weiß!

Natürlich bleibt einem, will man unbedingt kaufen, wenig anderes übrig , als sich an Parker zu orientieren, möchte man die hochbewerteten Weine frühzeitig noch relativ günstig ergattern.
Schließlich geht es in der heißen Phase der Subskription ja auch zu, wie auf einem orientalischen Basar. Denn sobald der Meister spricht, folgen die Jünger gierig, die Preise explodieren, Händler verknappen, die Preise steigen weiter. Das übliche Spiel in der harten kapitalistischen Bordeaux-Welt.

Trotzdem: Grundsätzlich sollte man die Parkerbewertungen vielleicht einfach nicht zu Ernst nehmen.

Letztendlich zahlt man in den Bereichen zwischen 95 und 100 Parker unverhältnismäßig mehr Geld für einen vielleicht nur minimal besseren Wein, als für einen anderen, der etwas niedriger bewertet ist.

Freuen kann man sich schließlich auch an Weinen, die Monsieur Parker nicht (so sehr) mag, und das nicht nur, weil sie günstiger sind, sondern weil auch 83 PP einfach gut schmecken können, oder besser reifen als früh hochgelobte.

Schließlich kommt es auch immer darauf  an, was einem selbst schmeckt! Da lohnt es sich vielleicht auch zu warten, bis man selbst mal probieren kann, auch wenn es dann teurer wird.

Zum Glück erwarten uns nach dem relativ schwachen 2008er jetzt die angekündigten Jahrhundertjahrgänge 2009 und 2010.

Mit 14 % Alkohol und mehr warten die Bordeauxweine hier auf. Geht langsam ein bischen in Richtung Rhône. Chateauneuf von der Gironde. Na herzlichen Dank!

Weiß eigentlich schon jemand genau, wie diese hochprozentigen Weine reifen werden?

Wahrscheinlich nicht.

Ich hege da so meine Zweifel. Sicher habe ich nicht so große Probenerfahrung wie Herr Parker, aber ich weiß trotzdem: Ich will einfach keine überdicken Bordeaux haben. Bordeaux ist für mich Eleganz und Trinkfluß. Will ich fetteste Substanz greife ich zu anderen Weinen.

Wahrscheinlich wird auch das 100 Punkte Schema bald nach oben geöffnet werden müssen, da solch kräftigen Weine, wie sie jetzt entstehen, vorher noch nie da gewesen sind. Wie wäre es also mit 102 Punkte für Margaux 2010? Das wäre doch wunderbar. Der Zeitgeist in Zahlen! Alle 100 Punkte Weine wären nur noch zweitklassig. Großartig.

Vielleicht gibt Parker lieber erstmal nur 101 Punkte, wir wollen ja nicht übertreiben.

Wir passen uns dann an und geben gggggg-Wertungen, schließlich möchte man nicht hinten anstehen und es gibt ja auch noch mehr als einzigartige Erlebnisse, nämlich einzigstartigste!

In diesem Sinne hoffe ich das auch Ihr tolle 2008er Bordeauxweine eingekauft habt, die Euch einfach nur schmecken und das nicht nur für 100 € aufwärts.

Falls nicht: Ich empfehle immer noch Domaine de Chevalier für ca. 40 €, Parker übrigens auch!

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