Kleine Pfingstprobe: Bordeaux, Rhône und ein Pirat

Nachdem mich die letzte Woche ein hässlicher Virus aus dem heimischen Keller und auch sonst weit weg von jedweder Weinflasche hielt, war für dieses Pfingstwochenende eine kleine betterwine-Probe angesetzt. Wir wollten zum einen den Côtes du Rhône König des wirklich erfreulichen Jahrgangs 2009 krönen und stellten deshalb schon einmal  unsere beiden bisherigen Favoriten Perrin & Fils Réserve und Xavier Vins an. Daneben sollte es – natürlich – Bordeaux sein, und da Marco einen 2001er St. Pierre ergattert hat dachten wir uns St. Julien zweite Reihe aus kleineren Jahren wäre sicher ein nettes Thema. Zu dem St. Pierre gesellten sich also noch ein Langoa Barton 2002 und aus dem gleichen Jahr Léoville Poyferré. Der gute Peter, der etwas später zu uns stieß, bereicherte die Runde um besagten Piraten und eine Flasche Tour de By 2005 – kein St. Julien, aber zumindest Bordeaux.

Die Frage nach der Königskrone bei den Côtes du Rhône gestaltete sich dann doch schwieriger als gedacht: Zunächst bestätigte sich noch einmal, das beide Weine sicherlich die Spitze des Jahrgangs darstellten. Beide mit schöner Säure und gutem Tannin, der Perrin etwas zurückhaltender und feiner mit klarer, präziser Frucht, der Xavier opulenter, mit exotischer Frucht und würziger Syrah-Note, etwas vielschichtiger. Beide mehr oder weniger gleichauf, Marco bevorzugte den Xavier, Peter klar den Perrin. Ich mochte beide, persönlich den Perrin etwas mehr, würde aber – zieht man den Preis mit in Betracht – für den Xavier Vins stimmen: Den gibt es ab 18 Flaschen z.B. bei weinpalais.de mittlerweile für 7,00 EUR inklusive Versand, während der Perrin Réserve nicht unter 9,00 EUR zu finden ist.

Bei den St. Julien’s machte der Chateau Saint Pierre den Anfang: Für einen 2001er schon extrem reif, wohl schon auf dem absteigenden Ast oder nicht optimal gelagert. In der Nase etwas Cassis, aber vor allem Sekundäraromen: Kaffee, etwas Vanille, Holz. Am Gaumen kaum mehr Säure, schon etwas angestrengt, dabei aber noch sehr filigran und mit fleischiger Textur. Cassis, rotbeerig, kein Tannin mehr, im Abgang wird er dann breit und malzig (gg, austrinken). Der Langoa Barton 2002 ist schon trinkreif, dürfte aber noch gute 4 bis 5 Jährchen im Trinkfenster verbleiben. In der Nase typisch St. Julien, Jod, mineralisch, Cassis, etwas  Holz, Erde. Am Gaumen noch sehr primärfruchtig, Cassis, rote Beeren, schöne Säure, feines Tannin, und eine wenig ausgeprägte Mineralität, teilweise erdig-rustikal. Zwar etwas eindimensional, aber sehr trinkig – ein perfekter Essensbegleiter (gg+, jetzt bis 2016). Der Léoville-Poyferré war – wohl erwartungsgemäß der Stärkste der drei St. Julien: Eher ein feiner und zurückhaltender Wein, der in jedem Fall über den Abend noch von der zusätzlichen Luft profitiert hat. In der Nase schwarze und rote Johannisbeere, Veilchen, Minze, mineralisch, Jod, Graphit, Eukalyptus und typische Cabernet-Würznoten. Am Gaumen von leichter Statur mit wenig Druck, aber perfekt balanciert mit guter Säure, fruchtiger und erstaunlicher konzentrierter Johannisbeere, leichter Würze, feinkörnigem Tannin und schokoladigem Finish. Ein klasse Bordeaux und einstimmig unser WOTN (ggg, jetzt bis 2018).

Ein weiterer Beleg für die Faustregel, in guten Jahren die kleinen Weine zu kaufen, ist der La Tour de By 2005. Ein einfacher Médoc Cru Bourgeois mit guten Preis-Leistungsverhältnis, den 2005er gab es bis vor kurzem noch bei Jacques Weindepot für 13,90 EUR. In der Nase etwas verhalten, rote Frucht, etwas grüne Würznoten, leichter Vanilletouch. Jetzt schon sehr rund und zugänglich, leichte Säure, undefinierte, rote Frucht, schöne Süße, etwas Karamell, ganze leichte Würzigkeit, kurzer Abgang, wird hinten dann etwas breit und diffus. Aus diesem Jahr ein toller Alltags-Bordeaux, bei dem nichts falsch gemacht wurde (gg, jetzt bis 2016).

Und dann hatten wir noch einen Piraten mit Strumpfmaske der somit entsprechend blind verkostet wurde. Internationaler Stil, Cabernet-Noten und Cassis, Vanille, später auch Tabaknoten. Am Gaumen ein sehr reifer und vollmundiger Stil, Cassis, später auch Pflaume, Liebstöckel, kräftiges, geholztes Tannin, alkoholisch-breit. Hat nichts mit den Navarra-Weinen zu tun die ich so kenne, aber der Pago de Cirsus Single Vineyard 2007 wird dort tatsächlich als Cuvée aus Tempranillo, Merlot und Cabernet Sauvignon gefüllt. Interessant wird es mit dem Preis: Neuere Jahrgänge findet man online ab 5,00 EUR, und dafür ist es ein wirklich aufwändig gemachter Wein mit internationaler Stilistik. Nicht mein Fall, dürfte aber sicher genug Liebhaber finden. (gg-, jetzt – 2014).

Eigentlich war es dann auch Zeit für die vollverdiente Nachtruhe, aber einen kurzen Ausflug in eine nahegelegene Lokalität von zweifelhaftem Ambiente und mit noch zweifelhafterem Publikum wollten wir uns dann doch nicht nehmen lassen. Um dann, einige Kölsch später, aber nicht ohne der anwesenden Dorfjugend eine schmerzhafte Lektion in der Kunst des Kickerspiels erteilt zu haben, müde und zufrieden in das gerufene Taxi zu fallen.

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