Bordeaux 2010: Wann platzt die Blase?

Der 2010er Jahrgang war im Bordelais, glaubt man den Châteaux, den Weinhändlern und dem überwiegenden Großteil der Wein-Journaille – mal wieder – ein Jahrhundertjahrgang. Ja, den hatten wir schon in 2000, 2005 und 2009 und, nach Parker, auch noch in 2003, aber wenn es darum geht, eine gigantische Blase weiter zu befeuern, darf einem kein Superlativ inflationär genug sein. Apropos Superlative, die hat der neue Jahrgang tatsächlich allenthalben zu bieten: Massive Säure, Tannin wie schon lange nicht mehr, reife bis überreife Frucht und natürlich jede Menge Alkohol wie schon in 2009. Das kombiniert mit den Technikparks, um die selbst die NASA viele Châteaux mittlerweile beneiden dürfte, ergibt breitschultrige, kraftstrotzende, hochkonzentrierte, teilweise unharmonische Weinmonster – viel hilft viel.

Ich will jetzt mal die offensichtliche Frage und Problematik ausklammern, ob dies dann überhaupt noch Weine sind, die ich und viele andere als klassische Bordeaux kennen- und liebengelernt habe oder ob hier nicht ein ganz neuer, anderer, hochgezüchteter und im Keller gemachter Frankenstein-Stil kultiviert wird, wie ihn manche Weingüter in Übersee pflegen.

Interessanter finde ich zwei andere Fragen: Wann soll man diesen Jahrgang trinken können und wer verdammt nochmal soll ihn zu diesen obszönen Preisen noch kaufen?

Schon höre ich wie der Atlantikwind die Antwort der feisten Négociants und Winzerkonzerne zu mir rüberträgt: “Du, lieber Alex, brauchst unseren Wein gar nicht mehr kaufen. Der geht zu unseren neuen besten Freunden nach China. Und was die übriglassen, wird schon irgendein reicher Oligarch oder englischer Weinfonds abnehmen. Für Leute wie dich gibt es die “klassischen” Jahrgänge wie 2007, die wir dann mit leichtem Abschlag in den Supermärkten der Benelux-Staaten und Frankreich verramschen. Oder diesen tollen neuen Drittwein den wir gerade eingeführt haben, Le Bois des Forts de Latour*. Ganz was leckeres, und mit 90 Euro die Flasche fast geschenkt!”.

Das Problem ist nur folgendes: Der gemeine, unheimlich reiche Chinese kauft Latour, Lafite, Margaux, Mouton, Romaneé-Conti – das sind Statussymbole. Und vielleicht noch einen obskuren Wein von durchschnittlicher Qualität, wenn zufällig ein putziges Drachenboot auf dem Etikett ist, das ja Glück bringen soll. Das funktioniert, wenn man wie Beychevelle mittlerweile einen chinesischen Konzern als Eigner hat, der die Jahresproduktion praktisch alleine in seiner Heimat vermarkten hofft zu können. Für die Oberschicht in China ist ein Bordeaux-Wein ein reines Statussymbol: Der Geschmack, die objektive Qualität ist völlig uninteressant, es geht nur um das Prestige. Wie bei einer Uhr, einem Auto oder einer Yacht. Man trinkt ihn mit Eiswürfeln, mit Cola, gemischt mit Yquem oder man wirft ihn einfach an die Wand – macht nichts, der Inhalt ist denen sowieso völlig egal.

Wer also soll all die Weine kaufen, denen dieser Prestigewert fehlt? Wer kauft die Léoville-Poyferrés für 118 EUR, und wieviele Idioten werden aufstehen und Weine aus der dritten Reihe wie Langoa-Barton für 63, Cantenac-Brown für 51 oder Calon-Ségur für 81 EUR kaufen? Und wieviele sind schon in 2009 tatsächlich aufgestanden und haben Ducru-Beaucaillou für 249, Pichon Comtesse für 175 oder Pichon Baron für 125 gekauft? Das weiß niemand und das sagen uns die Chateaux auch nicht.  Aber hier hat der Kapitalismus ein weitere Waffe in seinem Arsenal: die englischen Weinfonds, das passende Finanzmarktinstrument zur Spekulationsblase, die Kavallerie des Bordelais. Hier wurden hunderte von Millionen Euro in Wein investiert, einzig, um damit zu spekulieren. Solange die Preise hier auf dem Papier steigen, mit jedem neuen Jahrgang und auf Raritäten-Auktionen, sind die Bilanzen in Ordnung. Mit 2005ern konnte man noch Geld verdienen: In den Jahrgängen danach haben die Chateaux schon eine potentielle Steigerung aufgeschlagen und selbst eingestrichen. Aber Wein lässt sich nicht infinit aufbewahren wie Gold – er muß irgendwann getrunken werden. Was passiert in sagen wir spätestens 8 Jahren, wenn die Fonds ihre Bestände an 2006er Bordeaux verkaufen müssen? Wird der Weintrinker, der dann konsumieren muß, die rein fiktiven Kurspreise der Fonds goutieren? Oder müssen die Fonds mit Verlust auf ihre Buchwerte verkaufen, was dann weitere Notverkäufe nach sich ziehen wird? Das kümmert die Fonds-Manager wenig – bis dahin sind sie selbst unanständig wohlhabend und der Wein…naja, der wurde ja mit dem Geld ihrer Investoren gekauft. Und wer konnte schon ahnen, das sich der Markt so entwickeln würde…

Was uns nun endlich dazu bringt, was den 2010er Wein für diese Klientel so interessant macht: Wohlwollende Beobachter haben hier Vergleiche zu den 1986er Bordeaux gezogen. Die liegen heute noch, 25 Jahre später, in den Kellern ihrer Käufer und sind größtenteils nach wie vor durch ihr massives Tanningerüst schlichtweg untrinkbar. Und ein kleinerer Wein nach dem anderen hat sich still und leise aus dem Jahrgang verabschiedet, weil die Frucht leider nicht annährend mit dem Tannin mithalten konnte. 2010 hat deutlich mehr Tannin, und vielleicht bei den Top-Gewächsen auch die Frucht und Säure, um irgendwann einmal einen harmonischen Wein zu ergeben – aber wann? In 30 Jahren, in 40 oder doch eher in 75? Das weiß niemand und was gibt es besseres für einen Spekulanten als ein Leistungsversprechen, das erst in Jahrzehnten eingelöst werden muß?

Wir werden sicherlich keinen Bordeaux 2010 subskribieren und haben auch schon kaum 2009er gezeichnet. Die Preise stehen in keiner Relation mehr zu dem Trinkvergnügen, den der Wein bereitet – und das ist eigentlich das einzige, was uns als Weinnasen wirklich interessieren sollte. Und was wird das für ein Fest, wenn die Blase tatsächlich platzt, vielleicht in 5 Jahren, vielleicht in 10, und wir alle diese – hoffentlich – feinen Weine wieder zu einem fairen Kurs kaufen können.

*frei erfunden

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