Pinot Noir aus Deutschland: Ein Kurztrip an die Ahr

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wenn man in der internationalen Weinpresse über Pinot Noir berichtet, geht es in erster Linie um Weine aus dem Burgund. Dann kommen mit gebührendem Abstand Neuseeland, Washington State, Oregon. Die teilweise hervorragenden Pinot Noirs aus  Deutschland, die hier wenig enigmatisch als Spätburgunder bezeichnet werden, finden kaum Beachtung. So ist die Ahr Parker in seinem aktuellen Weinführer gerade mal einen kleinen Absatz wert und der Franzose rümpft im allgemeinen sowieso nur pikiert die Nase.

Um uns von der Qualität der Weine vor Ort zu überzeugen und um auch um mal eine Lanze für den deutschen Rotwein zu brechen, führte uns unser erster Roadtrip dieses Jahr an die  pitoreske Ahr. Wer mehr über das Anbaugebiet erfahren will, kann hier unser kleines Feature lesen, die wirklich interessanten Weine besprechen wir natürlich alle auch noch einmal einzeln und ausführlich. Alle Winzer bieten meist auch noch andere Weine als Spätburgunder an, aber wir haben uns hier auf die besagten sortenreinen Pinot Noirs konzentriert.

Unsere erste Station war das Weingut Paul Schumacher, das in Marienthal direkt am Fuße der Steillage Trotzenberg liegt. Schumacher ist zwar kein Unbekannter, gehört aber noch nicht zu den arrivierten Weingütern, was ihm die segensreichen Möglichkeiten eröffnet, noch keine festgelegten Erwartungen bedienen zu müssen und im besten Sinne experimentierfreudig die Möglichkeiten seiner Lagen auszuloten. Seine Weine sind weniger kraftstrotzende, satte Muskelpakete, sondern  eher duftige, filigrane und fein ziselierte Kunstwerke, trotzdem auch kraftvoll und mit Druck, meist mit moderatem Alkohol und zurückhaltendem Holzeinsatz. Um den Vergleich mit dem Burgund zu wagen: Eher Chambolle als Pommard und dabei immer sehr nah an den Vorbildern aus Frankreich.

Eher unspektakulär der Basiswein Spätburgunder 2009 (g), sehr leicht, fruchtig, sortentypisch. Deutlich fruchtiger, blumiger und vielschichtiger war der Pinot Noir 2008 (gg+), erinnert an einen klassischen Burgunder. Mir persönlich mit etwas zuviel Holz (aber das war hier Sinn der Sache) der Patience Spätburgunder 2009 (ggg-). Die Weine an der Spitze müssen keinen Vergleich scheuen: Marco präferierte den Kräuterberg 2009 (ggg+), ich fand den Trotzenberg 2009 (ggg+), den es nur auf konkrete Nachfrage in kleinsten Mengen direkt beim Weingut gibt, interessanter. Beide Weine sind druckvoll, vielschichtig, jahrgangstypisch, der Kräuterberg kommt etwas mineralischer daher – beide brauchen in jedem Fall noch Lagerzeit.
Für uns war Schumacher die Entdeckung dieses kleinen Ausflugs, wer wie wir insbesondere den filligraneren, burgundischen Stil liebt, dürfte hier eine zuverlässige, in der Spitze hochwertige und dafür mehr als preiswerte Alternative zu den französischen Pinot Noirs finden. Sehr eigenständige Weine, auf ihre Art sicher auf Augenhöhe mit den  VdP-Gütern an der Ahr.

Eine feste Größe an der Ahr ist unsere zweite Station, das VdP-Weingut Deutzerhof. Das damalige Weingut Cossmann, das schon seit dem 16. Jahrhundert  verbrieft im Ahrtal dem Weinbau nachging, zog Anfang der 1980er Jahre aus Mayschoß an die etwas außerhalb, in einem herrlichen, natürlichen Amphittheater gelegene  ehemalige Außenstelle des Deutzer Klosters. Auch hier nahm sich Wolfgang Hehle die Zeit, uns einen Querschnitt über die aktuellen Jahrgänge zu präsentieren. Die produzierten Weine sind als kräftig zu bezeichnen und weisen ein solides Tanningerüst auf, das eine Lagerung über mehrere Jahre zur Harmonisierung unabdingbar macht. Die für die Ahr typische Schiefermineralik ist immer schön zu erkennen.

2010 war ein sehr schwieriges Jahr und es wurden keine Großen Gewächse ausgebaut. Davon profitieren die anderen Qualitäten, da hier natürlich das ganze Rebgut der ersten Lagen mit einfließt. Schon erhältlich ist der Basiswein Cossmann-Hehle 2010 (gg), sortentypisch ausgebaut, kräftig-kompakter Typ, relativ vielschichtig, mit Lagerpotential. Ansonsten ist das Ausnahmejahr 2009 aktuell: der Balthasar C. (g+) war sauber und ohne Fehler, wirkte aber auch eindimensional (Anmerk. von Marco: Habe ich bei einer Nachprobe Mitte Oktober nicht so empfunden, eher gegenteilig, ich fand ihn sehr vielschichtig. Könnte am grossen Glas gelegen haben, dennn das braucht er. (gg)). In einer anderen Liga spielt da der Caspar C. (ggg), ein perfekt ausbalancierter, hedonistischer Wein mit schöner Frucht, Extraktsüße, Mineralik und tollem, schokoladigen Holz. Eine große Zukunft noch vor sich hat der Grand Duc (ggg+), der im Moment vor jugendlicher Kraft nur so strotzt. Nach 9 Monate im Barrique bei 100% Erstbelegung ist der Wein im Moment noch sehr primärfruchtig, kompakt  und durch das Holz geprägt. Wir konnten einen 2007er Grand Duc (ggg-) antrinken, der sich schon wesentlich zugänglicher, harmonischer und mit ersten schönen Sekundäraromen zeigte. Unsere Kaufempfehlung: Der Caspar C. 2009, ein echter Spitzenwein mit Lagerpotential,  zu einem mit 22,00 EUR sehr fairen Preis.

Anschließend sind wir zu einem späten Mittagsessen in den Hofgarten Dernau, der Gutsschenke des Weingutes Meyer-Näkel, eingekehrt. Ein wirklich schön und mit Liebe zum Detail restauriertes Winzerhaus mit einem gemütlichen Innenhof, das frisch zubereitete (ist ja auch nicht selbstverständlich dieser Tage),  gute Gerichte zu noch akzeptablen Preisen serviert.

Die meisten der Meyer-Näkelschen Weine gibt es hier offen, aber wir haben uns für den Campo Ardosa 2005 (gg+) entschieden, einem der Kooperations-Projekte von Werner Näkel. Der Ardosa ist ein traditioneller portugiesischer Douro-Wein aus einem gemischten Satz autochtoner Reben mit ungewöhnlich niedrigen 12,5% Alkohol, saftige Textur, reifer Frucht, schöner Schiefermineralik und feinem Tannin mit leider etwas internationaler Stilistik.

Unsere letzte Station des Tages, H.J. Kreuzberg, ebenfalls ein VdP-Weingut, konnten wir in Dernau gemütlich zu Fuß erreichen. Auch hier stand das aktuelle Jahr 2009 bereit, zusätzlich konnten wir auch einige der 2008er Großen Gewächse probieren. Der aus zugekauftem Rebgut produzierte Pinot Noir 2009 (g) ist ein einfacher und eindeutiger Basiswein ohne Stärken und mit ein paar Schwächen, der selbst an- und ausgebaute Spätburgunder Unplugged 2009 (g+) war sortentypisch rein und sauber, jahrgangstypisch kräftige Frucht, leichte Schiefermineralik, etwas eindimensional und für unseren Geschmack zuviel vanilliges Holz. Deutlich  interessanter dann der Devonschiefer 2009 (gg). Nicht unbedingt ein Spaßwein, aber die Quintessenz typischen Ahr-Terroirs auf die Spitze getrieben: Schiefermineralik ohne Ende, sehr kräftige Säure. Viel freundlicher zeigte sich da der Silberberg GG 2008 (ggg) aus einem unterschätzen Jahrgang. Eher leichter, aber schön balanciert und mit sehr feiner Frucht.  Interessant: Der 2009er CA SA NOVA Cabernet Sauvignon (g+) ist sicherlich einer der am nördlichsten angebaute Cabs weltweit, der bei unserer Verkostung,  im jetzigen Stadium, aber leider jede Menge Holz und kaum Frucht zeigte.

Unsere Kaufempfehlung: In jedem Fall der 2009er Devonschiefer – nicht unbedingt preiswert, zeigt aber exemplarisch, was sich in jedem Ahr-Spätburgunder wiederfindet. Ansonsten fiel der Silberberg GG positiv auf – gleichauf mit den verkosteten gehobenen Qualitäten der anderen Winzer.

Unser Fazit: Ein Besuch an der Ahr ist in jedem Fall zu empfehlen. Die meisten Weingüter sind auf Publikumsverkehr und Direktverkauf eingerichtet, so könnt ihr die Weine in aller Ruhe probieren und gleich mitnehmen. Die Ahr ist dabei ein übersichtliches Anbaugebiet – im Gegensatz zum Burgund gibt es hier keine gefühlten 10,000 Weingüter die aus Kleinstparzellen Jahr für Jahr ein völlig unübersichtliches und qualitativ im höchsten Maße heterogenes Weinangebot produzieren. Auch an der Ahr sind die Produktionsmengen gering, aber wer sich unter anderem an die hier vorgestellten Winzer hält, kann sich das Roulettespiel wie im Burgund ersparen. Die Weine sind zwar etwas anders, aber durchweg hochwertig und durch die typischen Schiefernoten sehr eigenständig und fein und im direkten Vergleich zu ihren französischen Pendants sogar preiswert.

Eine weitere Lehre die wir von der Ahr mitnehmen konnten: Der anderenorts vorzeitig ab- und schlechtgeschriebenen 2008er Jahrgang ist gar nicht so schlecht – wir haben jewirklich gutes Zeug aus diesem Jahr verkosten dürfen. Sehr empfehlenswert, um die Zeit des Wartens auf die Weine des großen 2009er Jahrgangs zu überbrücken.

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