Weinkritik: Über Sinn und Unsinn der gängigen Punktesysteme

Vor einigen Wochen kam ich mit einem Freund, den ich viel zu selten sehe, nach dem üblichen Smalltalk zu den Themen Finanzkrise, Schuldenkrise und dem drohenden Untergang der Welt, wie wir sie kennen, auf das Thema Wein zu sprechen – man tauschte Erfahrungen aus, empfahl sich gegenseitig die eine oder andere Flasche, was irgendwann zu seinem Credo führte: “Es ist schon ein tolles Gefühl, so einen 94 Parker Punkte Wein zu trinken.”

Nein, das hier soll kein wohlfeiles Parker-Bashing werden, und auch kein Angriff auf dessen Jünger oder Etikettentrinker im allgemein – aber das ganze führte mir mal wieder den geballten Unsinn der in der  Weinkritik gängigen Punktebewertungen vor Augen. Ein Punktesystem soll eine objektive Bewertung des Weines ermöglichen – je höher das Rating, desto besser die Qualität des Weines. Dass eine Ziffer die Komplexität eines Weines natürlich stark verkürzt und komprimiert ist, liegt in der Natur der Sache. Schwierig wird es mit der Objektivität: Was macht also einen guten Wein aus?

Wenig erstaunlich herrscht hier Dissenz: Die Punkte werden von Menschen vergeben, die ein subjektives Geschmacksbild haben. Parker liebt seine Weine fruchtig, opulent, konzentriert und druckvoll – John Gilman hingegen schätzt schlanke, säurebetonte und filigrane Weine. Das ist ihr jeweiliges Framework, nach dem sie Weine bewerten. Mit einer objektiven Qualität hat das wenig zu tun – der persönlichen Präferenz wird durch den Nimbus des Kritikers eine objektive Deutungshoheit verliehen.  Die Vorteile sind bekannt: Wertungen sind wichtig für den Handel, denn sie verkaufen. Wertungen sind wichtig für die Weingüter, denn sie verkaufen. Wertungen helfen dem Konsumenten, denn Sie bieten eine Orientierungshilfe, die man auch im Supermarkt schnell mal von einem Etikett ablesen kann. Wertungen schaffen eine Ordnung, wo vorher keine war – Menschen, vor allem Sammler, schätzen das sehr. Wertungen machen Weine vergleichbar. Je höher, desto besser. Oder doch nicht?

Ein Wein ist natürlich mehr als nur Nummer – er ist das Ergebnis der Landschaft, der klimatischen Einflüße, der Arbeit des Winzers im Weinberg und im Keller, und ein guter Wein ist auch immer Ausdruck seiner Geschichte und Tradition. Die Blindverkostung, wie sie heute üblich ist, schlüsselt den Wein nur noch in seine Aromen, Farbreflexe und sensorischen Eindrücke auf – der Verkoster gibt wieder, welche Eindrücke er aus dem anerkannten Kanon der Weindegustation wiedererkannt hat. Denkt man das zu Ende, reduziert man den Wein auf ein Lebensmittel wie einen Schokoriegel oder eine Flasche Coca-Cola. Das ist einem Kulturprodukt unwürdig und hilft letztlich auch dem Konsumenten wenig.

Es ist natürlich eine Illusion, eine – den Göttern sei gedankt – so heterogene Landschaft wie den weltweiten Weinanbau mit seinen Myriaden von Rebsorten, Anbaugebieten, Terroris, Konzernkonglomeraten, Familienbetrieben, Ökowinzern, Traditionen und einem Produkt, das sich auch noch mit der Zeit radikal verändern kann, mit einer Ziffer gleichmachen zu wollen. Je feinkörniger das System, desto größer die Illusion, das hier mit wissenschaftlichen Methoden jeder auch noch so kleiner Qualitätsunterschied herausgearbeitet wird. Drei Weine können die gleiche Punktzahl erhalten, aber trotzdem völlig unterschiedlich sein: der eine fruchtig und dicht, der andere asketisch und leicht. Ein dritter ist harmonisch, balanciert und bringt auf unvergleichliche Weise sein Terroir zum Ausdruck. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, das keiner der Weine jedem gleich gut munden wird – trotz gleicher Punktzahl.

Im dem Sinne sind wir natürlich auch schuldig -und haben in den letzten Monaten gesehen, wie wenig wir den Eigenheiten der verkosteten Weine selbst mit unserem bewußt schon sehr allgemein gehaltenen Gusto System Rechnung tragen konnten. Marco hatte einige sehr gute Ideen, wie wir das in Zukunft anders und hoffentlich besser angehen können – wir werden das in den nächsten Wochen in jedem Fall weiterentwickeln.

Uns würde auch eure Meinung dazu interessieren? Was würdet ihr euch in einem Bewertungssystem für Wein wünschen? Oder seid ihr zufrieden, wie es ist?

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4 Antworten auf Weinkritik: Über Sinn und Unsinn der gängigen Punktesysteme

  1. Alex sagt:

    Hallo Herr von Horst,

    ja, das ist ein weites Feld. Die Probleme bei dem von ihnen favorisierten Ansatz sind z.B. bei Cellartracker gut zu beobachten. Der überwiegende Teil der Weine bewegt sich dort in dem extrem engen Bewertungskorridor von 88-91 Punkten, wenige Weine werden schlechter bewertet, auch kaum welche besser.

    Wein weist im Gegensatz zu z.B. einem Hotel oder einem technischen Produkt keine oder nur bis zu einem bestimmten Mindestniveau eine tatsächlich objektiv messbare Qualität auf. Alles darüber hinaus ist immer nur im Kontext zu sehen und subjektiv, ein Weinanfänger kann mit einem gereiften Bordeaux oder einem großen Burgunder wahrscheinlich nicht viel anfangen. Aber unter dem Strich denke ich, das ein solches System einfach nur zu einer Nivellierung auf hohem Wertungsniveau führen würde, da die Menschen ja auch dazu neigen, die Sachen zu trinken, die sie mögen. Oder was denken Sie?

    LG,
    Alex

  2. Objektive Meinung zum Thema Wein ist ein sehr interessantes Thema.

    Nach meiner Erfahrung kann nur die Masse im Durchschnitt eine objektive Meinung abgeben.

    Winzer, Weinhändler, Oenologen, Weinkritiker und natürlich die Verbraucher auf einer gemeinsamen Dachseite mit der Nutzung der neuen Technologien wie QR-Codes und Tablets bringen die Meinung zu einer Flasche Wein konserviert und gemeinsam auf eine Seite.

    Die Hotellerie hat es mit den Bewertungsportalen gezeigt, dass weder Hotelsterne noch Hotelkritiker und Mystery Checker die wirkliche Wahrnehmung und Vorstellung von Kunden auf einen gemeinsamen Nenner gebracht haben.

    Dietrich von Horst

  3. marco sagt:

    Hallo Klaus,

    sorry für die verspätete Antwort, Dein Kommentar scheint Alex durchgerutscht zu sein.

    Schön, dass Dir unser Blog gefällt.
    Wir geben uns wirklich Mühe, möglichst objektiv zu berichten.

    Südfrankreich wird auch bei der diesjährigen Pro-Wein einen unserer Schwerpunkte bilden, von daher kannst Du auf unsere kommenden Berichte zum Thema gespannt sein.

    Grüsse

    Marco

  4. Klaus, die Rotwein-Maus sagt:

    Kann ich absolut nachvollziehen, Eure Einschätzung der subjektiven Parker-Bewertung. Wichtig ist deshalb, das jeweils Spezifische, Charakteristische eines Weins zu beschreiben – nur so kann ich nach meinen Vorlieben auswählen. Das macht Ihr ja schon recht gut. Auch die Punkt-Benotung ist ok. Übrigens ein tolles Blog mit vielen guten Tipps und Anregungen, gerade erst beim Surfen entdeckt. Bitte weiter so, bin ein großer Fan südfranzösischer Weine zu erschwinglichen Preisen.

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