Nagelprobe: (Kleine) 2009er Bordeaux in der Arrivage

In großen Jahren die kleinen Weine kaufen: Diese Faustregel ist um so wichtiger in der schönen neuen Bordeaux-Welt, in der die großen Weine unbezahlbar geworden sind. Bordeaux 2009 heißt vor allem perfekt gereifte Frucht, weiches, rundes Tannin, hohe Glycerinwerte (aka Alkohol) und in vielen Weinen vergleichsweise niedrige Säure.

Das sind eigentlich gute Vorzeichen für trinkbare Weine in den unteren Preissegmenten von Bordeaux Superieur bis Cru Burgois, die sonst häufig unter akutem Fruchtmangel leiden. So habe ich mit einer gewissen Vorfreude vier kleine Bordeaux, alle Jahrgang 2009,  aus Frankreich mitgebracht, und als Referenz eine Flasche Rollan de By dazugestellt. Ich habe die Weine ohne Recherche sozusagen blind ausgesucht, alle liegen preislich mehr oder weniger um die 6,00 Euro.

Der Château Romfort (g-), aus der Satellitenappellation Côtes de Bourg schlägt mit 4,95 EUR zu Buche und erinnert etwas an den üblichen Mist, der in weniger starken Jahren in diesem Preissegment produziert wird. In der Nase etwas staubiges Holz, sehr reduktiv, teilweise vegetabile Noten, später dann eingekochte Frucht. Am Gaumen eine ganz ordentliche Säure, aber wenig Struktur, die Frucht bleibt undefiniert, rot und süß, das Tannin etwas vanillig und leicht unsauber im Abgang.

Gleicher Preispunkt mit 4,99 EUR für den Château Lagnet Les Secrets (g-), ein merlotlastiger Bordeaux Superieur. Wie der Romfort mit 14% Alkohol und einer ebenfalls eher verhaltenen Nase, etwas Kirsche und mit leichter Vanillenote. Etwas dünne Säure, sehr rund und leicht, rote Beeren, auch hier sehr süß, im Abgang etwas trocknendes Tannin. Das war übrigens das Lieblingsgetränk der Weinlaien am Tisch.

Mit 6,95 EUR etwas teurer der Château d’Osmond (g), ein Cru Artisan aus dem Haut Médoc. Cru Artisan ist eine kaum bekannte Denomination für Cru Burgeois Weingüter, die in Familienbesitz sind, kaum Rebfläche besitzen, ihre Weinberg von Hand bearbeiten und häufig mehr oder weniger nach biologischen Grundsätzen arbeiten. Der Wein hat einen hohen Cabernet-Anteil (50%), niedrigen Alkohol mit nur 13% und ist in der Nase auch eher zurückhaltend: Sehr reduktiv, rote Beeren, Cassis, eine Anmutung von Meersaum. Dann eine sehr gute Säure, weniger fruchtig und süß als die anderen, auch hier kann man eine Idee von Cassis rausschmecken, unauffälliges Holz und leicht grünes Tannin, aber das gibt sich. Der Wein ist leicht, klar und sauber – ein klassischer Essensbegleiter.

Der einzige Wein vom rechten Ufer ist der Château Bertin Cuvée Prestige (g+) (Trinkfenster 2012-2014) aus der Appellation Saint Georges St. Emilion, der mit 7,90 EUR teuerste Vertreter. Die Nase ist ausladend, expressiv mit einer mürben Fruchtigkeit, Schwarzkirsche und jede Menge Röstarmonen und Kaffee, die auf massiven Holzeinsatz hinweisen. Der Wein ist am ersten Tag kaum trinkbar – zwar interessantes, aber brutales Holztannin. Das gibt sich am zweiten Tag, der Wein wird harmonischer, bleibt aber immer noch von dem zugegeben hochwertigen Holzeinsatz dominiert. Kaum Säure, ans überreife grenzende Frucht, süß, wenig Struktur, aber ein geiler Abgang mit wirklich schönen Röstaromen, Kaffee, Bitterschokolade. Klar, der Wein ist ein Blender und hat wenig Substanz, aber geht als hedonistischer Spaßwein ohne weiteres durch.

Für 12,40 EUR gab es den als Referenz eingestellen Rollan de By (gg+) (Trinkfenster 2014-2019). Klar, dieses Spitzen-Cru Burgois spielt in einer anderen Liga, ist aber natürlich auch gut doppelt so teuer. In der Nase sehr konzentriert, tiefes Cassis, Kirsche, Veilchen, ätherisches Holz, Kaffee, Schokolade. Am Gaumen ist der Wein sehr dicht und konzentriert, gerade noch tragende Säure, sehr intensive Frucht, Kirsche, rote Beeren, Cassis, leicht mineralische Noten und ein Tanningerüst Deluxe, das im Abgang lange nachbleibt und jede Menge ätherische Noten, Kaffee und Schoki zeigt.

Was kann man also über diese kleine Range von Bordeaux 2009 im unteren Preissegment sagen? Die Weine sind zunächst einmal überwiegend gut und mit Freude trinkbar, was in dem Preissegment in schwächeren Jahren alles andere als üblich ist. Natürlich zeigen die Weine kaum Eigenart und haben Schwächen,  sind aber als Bordeaux problemlos erkennbar (leider auch nicht selbstverständlich) und durch ihre Struktur sehr fruchtig und zugänglich. Und es gibt durchaus auch klassische Bordeaux, wie der Château d’Osmond zeigt. Ich würde jetzt nicht jeden Bordeaux Superieur unbesehen kaufen, aber die Qualität ist durchaus vorhanden. Es stimmt auch, das die Weine alle durchgängig geringe Säurewerte haben. Das macht sie früher zugänglich aber wohl auch weniger lagerfähig – vielen Freunden des internationalen Stils wird das insgesamt entgegenkommen. Die Weine haben eine für trockenen Rotwein eine hohe Restsüße und viel Alkohol, auch das mag mancher ja gerne. Das bringt uns zurück an den Anfang: Ein großes Jahr, in dem man die kleinen Weinen kaufen sollte. Es ist seit 2005 vielleicht das erste Jahr, in dem man wieder trinkbaren Bordeaux unter 10 Euro kaufen kann – das sollte man nutzen.

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4 Antworten auf Nagelprobe: (Kleine) 2009er Bordeaux in der Arrivage

  1. Alex sagt:

    Hallo Christian, das ist wohl primär eine Frage des eigenen Gaumens. Es gibt durchaus Weine unter 10 Euro, die wir mit Genuß trinken können, z.B. vieles von der Rhône, südliches Frankreich oder auch aus Spanien oder Portugal. Gerade bei Bordeaux ist es aber normalerweise sehr schwierig, in klassischen Jahrgängen überhaupt etwas trinkbares unter 10 Euro zu finden, von Genuß will ich da gar nicht sprechen. In 2009 gibt es in dem Segment aber zumindest gut trinkbares, und das ist eine lobende Erwähnung wert. Insgesamt ist es aber natürlich schon so, dass in dem Bereich auf einen guten Wein fünfzig Schlechte gibt, insofern bin ich da also ganz bei dir.

    Ich persönlich sehe es auch so, das es gerade in dem Bereich zwischen 15-30 Euro aus fast jedem Anbaugebiet schon sehr gute bis hervorragende Weine gibt, die nur wenig Wünsche offen lassen und auch einen echten, selbst für Laien deutlich wahrnehmbaren Qualitätsschub bringen. Wenn du 2009er Bordeaux bis 30 Euro suchst, kann ich in jedem Fall Rollan de By empfehlen, Tour de By war dieses Jahr auch sehr gut, Nectars de Bertrands wenn du ihn noch irgendwo findest, Lilian Ladouys ist stark, und wenn du bis ans Ende der Preisskala gehen willst wäre Monbrison für rund 28 EUR nochmal merklich besser als die bisher genannten.

    Liebe Grüße,
    Alex

  2. Christian sagt:

    Danke für diesen Artikel, er bestätigt eine alte Weisheit, dass man unter 10 Eur lieber Apfelschorle statt Wein trinkt. Das “value for money” Segment bei dem man bei dem es sich lohnt den Korken zu ziehen ist, ob Bordeaux oder anderswo, schon eher in der Region 10-25 EUR.

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