Eine erste Jahrgangsbewertung – Bordeaux 2009

Es ist immer eine schwierige Aufgabe und widerspricht auch ein wenig unserer Philosophie, ein ganzes Weinbaugebiet für einen Jahrgang sozusagen über den sprichwörtlichen Kamm zu scheren. Besonders, wenn es so vielfältige Stile und Terroirs vereint wie Bordeaux. Ganz besonders, wenn ein Jahrgang eher heterogen ausfällt wie 2009. Trotzdem gibt es immer auch einige allgemeingültige Feststellungen und Impressionen, mit denen ich dann auch nicht hinter dem Berg halten möchte.

Zunächst einmal: Ja, es ist, alles in allem, ein sehr guter Jahrgang. Die Weine sind überwiegend ausgewogen, mit ausreichend Säure, einer wirklich phänomenalen, vielschichtigen Fruchtigkeit und hochpoliertem, zarten Tanninen. Die guten Flaschen sind schon jetzt in ihrer Fruchtphase unglaublich sexy, verführerisch und opulent. Ich halte es für wahrscheinlich, dass viele 2009er sich nur sehr kurz oder kaum verschließen und über die nächsten 10 bis 20 Jahre ein anhaltendes Trinkvergnügen bieten werden. Dass die Weine dafür nicht ganz soviel Lagerpotential haben wie andere Jahrgänge, kann ich durchaus verschmerzen. Ein weiterer Pluspunkt: Selbst die ganz kleinen Weine, also Bordeaux AOC oder Supérieur,  sind grundsätzlich mit Genuß trinkbar. Natürlich nicht alle, aber doch sehr viele. Wer nur 12er Kisten Premiers und Superseconds einlagert, dem mag das freilich egal sein. Aber für den Rest von uns sind das gute Nachrichten – wirklich günstige Bordeaux als Alltagswein, das konnte selbst 2005 nicht bieten.

Ist es auch wie allenthalben postuliert ein Jahrhundertjahrgang (was immer das auch bedeuten mag) ? Ich denke nein. Dagegen sprechen einige Gründe:

Es ist ein Cabernet-Jahr, viele Merlot-Cuvées sind hingegen mäßig. So einmalig reif Cabernet Sauvignon und Franc geworden sind, so problematisch war die Ernte des Merlot. Entweder wurde vollständig reif geerntet, was zu bisher unerhörten Alkoholwerten von bis zu 15.5% führte oder aber zu früh, wodurch die Weine harsch und unharmonisch wurden. Das betrifft natürlich vor allem das rechte Ufer, also St. Emilion und Pomerol, aber auch viele Médoc-Güter mit merlotlastigen Cuvées.

Das Gesamtbild ist uneinheitlich. Das ist natürlich ein Stück weit auf die Probleme mit dem Merlot zurückzuführen, aber viele Weingüter wussten selbst mit außerordentlichem Lesegut nicht umzugehen. So sind manche Weine überextrahiert, teilweise zu schwer und massiv, teilweise sehr  fruchtbetont. Es gibt somit von ganz unten bis hinauf in die Spitze herausragende Weine, aber auch einen nicht zu unterschätzenden Anteil an Weinen, die mittelmäßig bis wirklich schlecht sind. Man kann also nicht blind, wie z.B. 2005, kaufen.

Die Frucht dominiert, die Weine werden dadurch (noch) uniformer. 2009 ist kein Terroir-Jahrgang. Die fette, satte Frucht fast aller Weine dominiert die anderen Aspekte und läßt weniger Raum für subtile Nuancen und Eigenheiten, insbesondere zusammen mit den hohen Alkoholwerten. Viele Weine wirken dadurch unnötig eindimensional. Typisch Bordeaux ist das nicht.

Darüber hinaus gibt es noch zwei weitere Kritikpunkte:

Zuviel Alkohol. 14% und mehr mögen für Überseeweine oder einen Languedoc angehen, aber nicht für einen Bordeaux.  Es geht auch anders, das beweisen diverse Châteaux, die ebenfalls reife, fruchtige und elegante Weine mit nur 13.5% abgefüllt haben. Klimawandel hin, Klimawandel her, vielen Weingütern ist der hohe Alkoholgehalt auch als Geschmacksträger sehr willkommen um einen eher mittelmäßigen Wein “aufzuwerten”.

Die Preise sind nicht angemessen. Nimmt man die Qualität des Jahrgangs als Maßstab, sind die Preiserhöhungen der Châteaux unangemessen. Nein, seinen wir ehrlich, sie sind eine Frechheit und zeugen von maßloser Gier. Während die meisten kleineren Weine bis zu den guten Cru Bourgois, wie z.B. Rollan de By,  ja mehr oder weniger preisstabil geblieben sind haben die vermeintlich größeren Châteaux nicht nachvollziehbare Aufschläge aufgerufen. Ich spreche jetzt noch nicht einmal von Latour, Mouton, Petrus und den anderen Luxusartikeln. Auch die Preise für viele Weine aus der zweiten und dritten Reihe sind schlichtweg zu hoch. Der Jahrgang ist zwar sehr gut, durch seinen fruchtigen Stil vielleicht auch populär. Er ist aber sicher nicht besser als z.B. 2000 oder 2005, nur anders. Das rechtfertigt die Preise definitiv nicht. Ich mag Léoville Barton sehr, aber ich werde keine 99,00 EUR für die Flasche zahlen. Das sind Spekulationspreise, und keine Trinkpreise mehr.

Wie würde man den Jahrgang also am besten einordnen? Schwierig, denn so alkohlische Weine gab es aus dem Bordelais noch nicht. Ansonsten sehe ich hier am ehsten eine Verwandschaft zu den 1990er, die ähnlich fruchtig und früh zugänglich waren. Auch kein Wunder an Komplexität oder Finesse, aber ebenso wunderbare, hedonistische Spaßweine. 2000 und – zumindest im Vergleich zu 2009 – 2005 zeigen demgegenüber eine eher klassische Bordeaux-Stilistik und sind insgesamt auch wesentlich homogener. Ich persönlich würde beide Jahrgänge höher einstufen als 2009, aber das muss letztlich jeder selbst entscheiden.

Meine Empfehlung zu guter Letzt: Nicht blind kaufen, in jedem Fall vorher probieren. Es gibt leider relativ viele Ausfälle, insbesondere am rechten Ufer. Die Qualität ist vor allem im unteren Bereich bis zu den Cru Bourgeois außergewöhnlich, ich würde hier meine Schwerpunkte setzen. Bis 50 Euro pro Flasche gibt es sehr viele sehr gute Weine, aber die Preise sind in diesem Bereich schon mehr als fragwürdig. Da gibt es Weine mit ähnlich fruchtiger Charakteristik aber anderer Provenienz, z.B. Spanien oder Italien, die ein besseres Preis/Leistungsverhältnis bieten können.

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