Durch das Tal der Tränen – Rotwein beim Discounter: Lidl

Ich hatte das schon länger vor, und nachdem der liebe Kollege Matze vor kurzem hier so heldenhaft vorangeschritten ist, gab es wirklich keine Ausrede mehr. Der Löwenanteil an Wein wird in Deutschland nicht direkt vom Winzer, beim Fachhandel oder im Internet gekauft, sondern beim Discounter oder im Supermarkt. Für viele Leute, die Gründe sind da sicher vielfältig, ist eine Flasche Wein ein Getränk wie jedes andere, und sollte deshalb nach Möglichkeit auch nicht mehr als eine Flasche Cola, Limonade oder sonstwas kosten. Für uns und wahrscheinlich auch das Gros der Stammerleserschaft macht es keinen großen Unterschied, ob ein Wein ein paar Euro teurer ist – für den Großteil der Weintrinker aber bedeutet der Schritt von 2,50 auf 5,00 EUR schon eine Verteuerung um 100% – und den wollen viele einfach nicht tun.

Ich will das hier – zumindest an dieser Stelle :-) – gar nicht verurteilen  – die kompromisslosen Sparfüchse sind auch nur die andere Seite der gleichen Medaille, auf der sich dann die genauso kompromisslosen Etikettentrinker bewegen, die ähnlich ungerührt für eine Flasche Petrus 3 große Scheine auf den Tisch des Herrn legen. Das Phänomen ist das gleiche – der Wein wird primär über den Preis bewertet und selektiert.

Die Fragestellung war also – kann man sich diese Abfüllungen als ambitionierter Weintrinker zumuten und wie ist der Qualitätslevel insgesamt?

Davor möchte ich aber noch eine rein wirtschaftliche Betrachtung stellen: Was bleibt an einer solchen Flasche Wein noch für den Abfüller übrig?

Nehmen wir als Beispiel eine Flasche Bordeaux für 2,29 EUR:
19% gehen an den Staat, bleiben noch 1,92 EUR übrig.
Davon gehen noch ab 0,15 EUR für den PE-Flaschenkorken, 0,35 EUR für die Flasche, 0,04 EUR für die Kapsel und ca. 0,10 EUR für das Etikett.

Bleiben noch 1,28 EUR übrig.  Davon geht jetzt noch die Marge für den Discounter ab, die Umverpackung, Transportkosten, Marketingkosten bzw. bei den Discountern Werbekostenzuschuss, ohne den nichts seinen Weg ins Regal findet. Dieser Anteil ist jetzt zwar geschätzt, aber der Abfüller wird mit Sicherheit nicht mehr als 60-70 Cent pro Flasche übrig haben, tendenziell eher weniger, um den Inhalt zu produzieren. Wenn man das sieht, kann man sich ungefähr vorstellen, welche Ernteerträge hier gefahren werden müßen und wieviel Arbeitsaufwand pro Hektar und später auch im Keller man sich leisten kann, damit überhaupt noch ein Gewinn pro Flasche im wahrscheinlich niedrigen zweistelligen Centbereich übrigbleibt. Alleine an Hand dieser Betrachtung sollte also klar sein, das man in diesem Preissegment nicht viel mehr als Fruchtsaft mit Alkohol  erwarten darf.

Sprechen wir also über die Weine, die alle bei Lidl gekauft wurden: Mit 2,99 EUR steht eine Flasche Baturrica Tarragona Gran Reserva 2005 auf dem Kassenzettel. Also ein Wein, der nach spanischem Recht mindestens 5 (!) Jahre gelagert haben muss, davon 2 Jahre im Holzfass. Und das für 2,99 EUR. Ein Tempranillo und Cabernet Sauvignon Blend, in der Nase süße, rote Beeren und altes, muffiges Holz. Am Gaumen sauer, bitteres Tannin und irgendwo dazwischen unreife, fast grün wirkende Frucht, Fuselalkohol. Ungenießbar, und definitiv nicht als Tempranillo, oder auch nur als Spanier, zu erkennen.

Zweiter Wein ist der Bordeaux aus unserem Rechenbeispiel für 2,29 EUR. Vertrieben von Vineris in Moers und abgefüllt  von “D-NW 170 002″. Der Wein wurde getestet vom TWQ Qualitätsmanagement, was mir aber auch nicht über mein leichtes Unbehagen weghilft, das der Wein einfach nur Bordeaux 2010 heißt. In der Nase dem Spanier recht ähnlich, süßliche, rote Beeren, stellenweise eine Idee von Würznoten. Am Gaumen dünn,  säuerlich, die Frucht ist sehr zurückhaltend und wirkt ebenfalls unreif, sehr rustikal, kräftiges Tannin, bleibt etwas fies nach. Trinkbar, allerdings ohne jeden Genuß, geht vielleicht und mit viel gutem Willen zum Essen.

Günstigster Wein im Reigen ist der Montepulciano D’Abruzzo 2010 mit 1,99 EUR, der auch ein tolles Qualitätsmanagementssiegel aufweisen kann. Findet in der Nase praktisch nicht statt, eine Idee, aber auch wirklich nur eine Idee von roter Frucht, Würznoten und Alkohol. Am Gaumen jede Menge Säure, kaum Frucht, wenig Tannin. Nicht technisch fehlerhaft, aber praktisch ungenießbar, zeigt keinerlei Montepulciano-Typizität.

Mit 5,99 EUR immerhin gut 300% teurer ist der junge Winzer Spätburgunder 2009, dessen Etikett ein “Original Jungwinzer” Stempel ziert, nebst Konterfei und Unterschrift von Uwe Bienz. In der Nase erst einmal ein veritabler Brett-Stinker, dann rote Beeren, Himbeere, zumindest würde man ihn auch blind als Spätburgunder  erkennen. Am Gaumen leicht, gute Säure, für einen 2009er eine sehr schmale Frucht, typische Würznoten, zurückhaltendes Tannin. Kein bisschen charmant und hochgradig unspektakulär, aber sieht man vom Brett ab (was mich nicht stört) ein sauberer, wenn auch bäuerlich-rustikaler Spätburgunder. Der Wein ist in diesem Preissegment, wo sich ja ungefähr auch die Basisweine anderer Spätburgunder-Winzer bewegen, zwar eher im unteren Bereich anzusiedeln, ist aber von den hier verkosteten Weinen mit großem Abstand der Beste.

Möchte man diese Weine trinken? Ganz ehrlich? Im Preissegment zwischen 2 und 3 Euro, das hier ja überwiegend bedient wird, kaufe ich mir dann doch lieber eine Flasche Cola. Ich weiss nicht, ob es gesünder ist, wahrscheinlich schon, aber leckerer ist es in jedem Fall.

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10 Antworten auf Durch das Tal der Tränen – Rotwein beim Discounter: Lidl

  1. ERIC sagt:

    ICH TRINKE GERADE FRANZÖSISCHEN ROTWEIN ” LE FILOU 2012 “. 2.99 EURO
    VON KAUFLAND NICHT SCHLECHT FÜR DEN PREIS
    EK

  2. Ein Weinliebhaber sagt:

    Barolo 2009 von LIDL – gerade getrun­ken …
    liebe Pie­mon­te­ser – wohin soll das gehen
    Die­ser “Wein” …
    viel schlech­tes Holz
    viel Säure
    der Geschmack – dar­über bitte nicht reden
    für nur EUR 8,90
    für soviel Geld habe ich noch nie so schlech­ten Wein getrun­ken
    SCHADE ….
    KAUFWARNUNG!!!!

  3. vinophil sagt:

    würde mich über eine review freuen…P.S. das weiße Etikett ziert eine Sonne und es steht irgendetwas mit ormez in Schreibschrift drauf, soweit.(momentan gibt es auch einen garnacha rose in der Spanienaktion)

  4. vinophil sagt:

    Habe mir diese Körperverletzung gerade auch angetan; der Wein geht mehr schlecht, als recht.
    ABER: Ich rate allen mal bei Lidl den Navarra roble für 1,99€ zu probieren.
    Wurde früher einfach unter Tempranillo verkauft und kostete gleich viel, jetzt 4 Monate im Barrique ausgebaut, ist er einer der preiswertesten Weine im S-Markt!
    (trinke S-Markt Weine eher aus masochist. Interesse und Experimentierfreude…^^

  5. Pingback: Wein beim Discounter Aldi | betterwine.de

  6. Alex sagt:

    Hallo Jürgen,

    eine Blindverkostung macht eigentlich nur in einer Vergleichsprobe Sinn – und darum ging es hier nicht.

    LG,
    Alex

  7. Juergen sagt:

    Moin! Ein Test muss blind duchgeführt werden. Sorry, aber vorher zu wissen, welchen Wein man gleich vernichten wird, macht wenig Sinn.
    Gruß

  8. Pingback: Wie gut altern kleine Weine? Ein Blick auf Guigal Côtes du Rhône 2005 und 2006 | betterwine.de

  9. Alex sagt:

    Danke für die Empfehlung, Delhaizes gibt es hier ja auch, werde ich mir in jedem Fall mal zu Gemüte führen.

    In Bezug auf das Testergebnis war ich doch etwas erschrocken, das man Sachen wie z.B. diese Gran Reserva überhaupt ins Regal stellt. Ich hatte eigentlich mehr mit Weinen à la Yellow Tail oder Gallo gerechnet – was ja auch schon schlimm genug gewesen wäre.

    Cheers,
    Alex

  10. ChezMatze sagt:

    Naja, da ist Euer Discounter-Test ja auch nicht viel anders ausgefallen als meiner… Wir müssen nächstes Mal auch Weiß probieren, Ihr habt eh in letzter Zeit zu viel Rot getestet ;)

    Jetzt zu meinem eigentlichen Anliegen: Woanders würde ich das nie posten, aber da es zu Eurem Artikel passt und hier vielleicht auch Leute mitlesen, die einen guten Supermarktwein kaufen wollen, ich habe ihn gefunden. Vinha do Rodeiro Colheita 2008 vom portugiesischen Weingut Casa de Darei (http://www.casadedarei.pt/). 150 ha, nicht gerade Handarbeit, aber auf biologischen Anbau umgestellt im letzten “Qualifizierungsjahr”. 3,99 € bei Delhaize. Beerig, würzig, reif ohne Holzmatsch, sogar eine gewisse Tiefe und Mineralität. Da müssen sich die anderen Discounterweine schämen. Ist sonst ja nicht so mein Preissegment, aber die Rahmenbedingungen scheinen mir soweit okay zu sein, dass ich eine Empfehlung hier relativ guten Gewissens abgeben kann. In Portugal ist Wein in vielen Fällen immer noch wie Brot. Grundnahrungsmittel. Deshalb auch generell die geringen Margen bei “Volksweinen”.

    Das soll aber meine letzte Empfehlung für Weine diesseits der 5 €-Grenze gewesen sein ;)

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