Traditionelle Weihnachtsprobe: Rinaldi Barolo Cannubi 2003, La Mission Haut-Brion 1988, Pichon Comtesse 1990, Rostaing Côte-Rotie La Landonne 1996 und und und…

Jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr treffen wir uns mit anderen mehr oder weniger gleichgesinnten Weinverrückten, um den eigenen Horizont zu erweitern. Während wir in den letzten Jahren meist blind probiert haben und Kuriositäten im Vordergrund standen, war das Motto dieses Jahr ganz einfach: Nur das Beste – also  eine ganz gepflegte Best Bottle. Kein Mummenschanz, die Weine kamen offen ins Glas.

Den Anfang machte der Guiseppe Rinaldi Barolo Cannubi San Lorenzo Ravera 2003 (gggg) aus der Magnum. Wie zu erwarten ist das ein klassischer Barolo der ersten Kategorie. Kein Holzfaß stört hier die kristalline Nebbiolofrucht. Viel Rosen und Teer, so wie es sich gehört. Feinstes Tannin. Geniale Textur. Ließ sich schon ziemlich gut trinken, hält (in der Magnum) aber mit Sicherheit noch mindestens 10 Jahre, wahrscheinlich sogar länger.

Auch als Solitär ins Glas kam der Côte-Rotie La Landonne 1996 von René Rostaing (gggg, jetzt bis 2020). Zwar reif, aber mit keinerlei Zeichen von Altersschwäche geschlagen, zeigte er sich als großer Syrah von der nördlichen Rhône. Anfangs die tpyischen Noten von blutigem Fleisch, gegrilltem Bacon, frisch aufgebrühtem Kaffee, Veilchen, Kräutern und superentspannter rotbeeriger, süßer Frucht, changiert stark.

Am Gaumen erfrischend mit durchgehendem Säurenerv, kühlfruchtig, von mittlerem Körper und fleischiger Textur. In der Mitte ein Korb randvoll mit dicken fetten Brombeeren, süß und opulent, langer Abgang, die Tannine sind vollständig abgeschmolzen. So schon wunderbar, zum Essen unschlagbar.

Zusammen ins Rennen gingen die beiden Bordeaux La Mission Haut-Brion 1988 und Sociando Mallet 1990 (ggg-gggg, jetzt – 2015, 12.5% Alkohol). Der Sociando hat sich mehr als wacker geschlagen: Klar vom Cabernet dominiert mit einer Nase aus grüner Paprika, Cassis, Kirsche und leicht exotischen Noten, Cola, Röstarmomen, Meersaum, changiert stark. Am Gaumen sehr fleischig, gute Säure, wirkt dadurch noch erstaunlich jugendlich, herrliche Balance aus Frucht und Sekundäraromen, erdig, Bleistiftspitze,  hält nach. Klassischer Bordeaux aus einem guten Jahr.

Für mich persönlich der Wein des Abends war, wenn auch nur knapp, der La Mission Haut-Brion 1988 (gggg-ggggg, jetzt – 2022, 12.5% Alkohol). Besser geht klassischer, gereifter Bordeaux nicht – nur anders. Wir hatten Flaschenglück und die achtstündige Belüftung hat auch geholfen: Balanciert und perfekt geschliffen, Cigarbox, Minze, Zeder, Waldboden, schwarzer Tee, rauchigen Noten, eine Idee von Toffee, die Frucht nur noch ganz verhalten. Am Gaumen dann eine perfekte Harmonie aus lebendigem Säurenerv, Walderdbeeren, Pilzen, Pflaume, Cassis, dezent-süßem Kern, ultraweichem, fast komplett aufgelöstem Tannin. Der Wein hat einen göttlichen Schmelz und ewig langen Abgang. Rund und weich, aber trotzdem noch mit einer inneren Spannung und Kraft.  Wer heute einen außeridischen Bordeaux auf Premier Cru Niveau trinken möchte, der sollte einmal in den sauren Apfel beißen, den aufgerufenen Preis zahlen – das folgende Nirvana ist garantiert.

Ein Problem mit dem wir so nicht gerechnet hatten: Der Abend war noch jung, die Weine aber so gut, so daß sich die Flaschen rapide leerten. Fluch und Segen zugleich – der Keller war dieses Jahr nur ein paar Schritte entfernt. Um also einem Austrocknen der Probe vorzubeugen, haben wir zunächst noch zusätzlich zwei weitere Weine auf den Tisch gepackt: Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1990 (gggg, jetzt bis 2015)  aus der Magnum und einen Burgunder, den Domaine Perrot-Minot Chambolle-Musigny Premier Cru Les Fuées 1997 (ggg, auftrinken). Beide haben die kurzen Belüftungs- bzw. Dekantierzeiten ganz gut vertragen. Dazu gab es noch einen Château Poujeaux 1990 (ggg, jetzt – 2015), den der gute Peter dankenswerterweise aus dem Hut bzw. seiner Tasche gezogen hat.

Mag es am Großflaschen-Bonus gelegen haben, aber die von der Fachpresse teilweise einer Hinrichtung gleichkommenden negativen Wertungen für die 1990er Comtesse konnten wir nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, das war Paulliac in Reinkultur. Am Anfang noch etwas stallig, zeigte sie bereits nach 30 min klassische Paulliac-Zeder, Bleistiftspitze und volle, exotische Cassisfrucht. Auch Waldboden. Am Gaumen leicht, aber fleischige Textur mit reifer Säure und immer noch guter Dichte, Harmonie und Länge. Auch hier nur 12,5 % Alkohol, das waren noch Zeiten!

Ein exzellent gereifter Stoff, der Magnum sei dank!

Der Chambolle-Musigny Les Fuées von Perrot-Minot war dann eine wirklich positive Überraschung. Hier hat man nach fast 15 Jahren immer noch einen sehr schönen Burgunder im Glas. Einfach lecker: Cassis, Himbeere und Trüffel. Saftig und jahrgangsbedingt säurefrisch, das einzige Manko war der etwas kurze Abgang.

Der Poujeaux brauchte etwas Zeit an der Luft, zeigte sich aber schon gereift und zugänglich: In der Nase rauchig, Cassis, später auch Kirsche, etwas Cigarbox, Waldboden. Am Gaumen mit frischer Säure, einem köstlich-süßen und wie so viele 90er exotischen Fruchtkern und mittlerweile voll integriertem Tannin, leider im Abgang – zumindest im Vergleich mit den Schwergewichten am Tisch – etwas arg kurz.

Und wie immer zum Nachspülen noch etwas Süßwein von einem von Marco´s Lieblingsweingüter: Peter Lauer Riesling  BA´s 2010: “Rau”, “Scheidt” und “Sonne” (2015-2025/30).

Das besondere an diesen Weinen ist, das in den Ayler Weinbergen 2010 die Trauben in einem noch unreifen Stadium eingetrocknet und hochkonzentriert worden sind.

Das gibt diesen Beerenauslesen ein sehr besondere Art zwischen mächtiger Süße und prägnanter Säurefrische und grüner Aromatik.

Trotz dieser prägnanten Jahrgangstypizität, ist es uns schwer verständlich, dass ein einschlägiger Weinführer von grosser Ähnlichkeit der drei Beerenauslesen untereinander spricht, sind diese doch sehr unterschiedlich.

Die Rau (ggg-gggg) zeigt die jahrgangsbedingte Grasigleit am deutlichsten, mit unglaublicher Säure, jugendlich unharmonisch, während der Scheidt (gggg) schon jetzt sehr ausgewogen daherkommt und sensorisch eher wenig von seiner tatsächlichen Süße transportiert. Dabei ist er dezent und zurückhaltend und ebenfalls apfelfruchtig, aber nicht so resch.

Die Sonne (gggg) ist in dieser Reihe sicher die klassischste der drei BA´s, voluminös, mit feiner Pfirsischfrucht und tropischen Früchten und ausgeprägter, hochfeiner zedriger Botrytisnote. Genial!

Alle haben grosses Lagerpotenzial.

Ihr seht, uns ist es gut ergangen. Für den späten Erscheinungstermin des Artikel entschuldigen wir uns, die Niederschrift unserer Probenitizen hat jemand, der hier namentlich nicht genannt werden möchte, einfach nicht rechtzeitig hinbekommen.

In diesem Sinne ein verspätetes Frohes Neues!

wünschen

Alex und Marco

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