Terroir: Eine Standortbestimmung

Vor einigen Jahren geisterte der Begriff Terroir nur hin und wieder nur durch die elitären Kreise der Weinpublikationen und Blogs und war auch dann nur den heiligsten aller Lagen vorbehalten. Nach einer Phase der Demokratisierung und Umdeutung des Begriffes kann man sich mittlerweile nur noch schwerlich dem Eindruck erwehren, das der Terroir-Wein im Mainstream angekommen ist. So wirbt der fette südafrikanische Shiraz ebenso mit seinem Terroir wie  der kleine Riesling um die Ecke. Zeit für eine kritische Betrachtung.

Terroir, und das macht schon einen Teil seines Coolness-Faktors aus, ist zunächst einmal ein französischer Begriff. Aus dem Heimatland des guten Weines, des Savoir Vivres und der Haut-Cuisine. Wow. In Frankreich versteht man darunter jedoch ganz unprätentiös vor allem das microclimat, das Zusammenspiel aus besonderen geologischen Begebenheiten und den entsprechenden Wettereinflüßen. So betrachtet ist Terroir also erstmal ein neutraler Begriff, der einen Ort beschreibt, an dem besondere Bedingungen für den Weinanbau herrschen. Das kann ein Zusammenspiel aus z.B. ungewöhnlich warmen oder kühlen Temperaturen, ungewöhnlich viel oder wenig Niederschlag, einer besonders guten Drainage des Bodens oder dem Weinbau besonders förderlichen Gesteinsformationen sein.

Der Hohetempel des Terroirs ist Burgund – hier ist die Klassifikation der Weine nicht an einen Produzenten oder einen Grand Vin gebunden, sondern an das Land. Burgund ist Feudalismus pur – Du bist, was du hast. Wer großes Terroir besitzt, keltert einen großen Wein.  So ist  z.B. alles, was im Climat Chambertin Clos de Bèze angebaut wird, automatisch immer ein Grand Cru Wein. Hier werden dann auch die Grenzen des klassischen Terroirbegriffs mehr als deutlich: Ein Clos de Bèze kann der Himmel auf Erden sein, oder aber ein belangloser, langweiliger Wein –  je nachdem, was der Winzer aus seinem Terroir gemacht hat.

Der moderne Begriff von Terroir, wie er heute unter Weinfreunden benutzt wird, ist eher ambivalent und zwischenzeitlich vielfältig aufgeladen: Es geht weniger um das microclimat, statt dessen soll der Terroir-Wein vor allem seine Herkunft widerspiegeln, eine Typizität aufweisen, die gemeinhin mit dem Anbaugebiet assoziiert wird, möglichst naturnah sein und dazu eine gewisse Eigenständigkeit aufweisen, der ihn von anderen Weinen unterscheidet. Der Terroir-Wein ist emotional aufgeladen: Ehrlich, bodenständig, unverfälscht, anders. So verwenden auch wir bei betterwine.de den Begriff, und, seien wir ehrlich, das hat natürlich wenig mit Terroir im burgundischen Sinne zu tun. Es beschreibt eine bestimmte Art, wie wir – und viele andere – uns einen Wein vorstellen, formal ein Archetyp, inhaltlich der Gegenentwurf zum allgegenwärtigen, uniformen Parkerwein, der uns ein ganzes Jahrzehnt lang terrorisiert hat und es noch immer tut.

Und dann gibt es noch das bereits erwähnte Terroir, das heute allenthalben zu finden ist, vor allem im Weinmarketing und in den Elogen findiger Weinhändler. Hier ist man dem burgundischen Terroirbegriff viel näher als man zunächst denkt – in dem man versucht, den Glanz der ganz großen, mythischen Weine über das Terroir als verbindenes Element auf einen meist wohl eher gewöhnlichen Wein zu übertragen. Terroir ist natürlich überall – obwohl hier weniger die Demokratisierung des Begriffs im Vordergrund steht als der billige Marketing-Effekt.

Wie steht ihr zu dem Terroir-Begriff? Hat er für euch überhaupt eine Bedeutung, und wenn ja, welche?

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