Bordeaux 2011 oder die Psychologie der Wahrnehmung

Eigentlich wollte ich zu dem Thema Bordeaux und Preise nichts mehr zu Protokoll geben. Fester Vorsatz. Alles war gesagt. Aber wieder einmal gibt sich die Bordelaiser Weinwirtschaft alle Mühe, meine guten Vorsätze zu sabotieren. Und legt nach, das es mir einfach die Zornesröte ins Gesicht treibt. Aber gut, Schreiben soll ja auch immer Therapie sein…

Der neue Jahrgang 2011 wurde von den Auguren der Weinbranche getestet und für nicht besonders gut befunden. Je nachdem, wen man fragt, sieht man die Weine qualitativ irgendwo zwischen 2001, 2007 und 2008. Es gibt Licht, viel Schatten, durchwachsen und unregelmäßig an beiden Ufern, also eigentlich ein perfekter Jahrgang, um ihn schnell und zu fairen Preisen, mit deutlichen Abschlägen, unters Volk zu bringen. Soweit waren sich alle Beteiligten, also die Châteaux, Händler und Kritiker einig.

Doch was ist fair? Da hat jeder seine eigene Sicht auf die Dinge. Die eigene Wahrnehmung filtert und verändert die Realität förmlich, das kann von subtilen Nuancen bis zu einer veritablen Verzerrung reichen.  Werfen wir also erstmal einen Blick auf die Realität, die bei der Preisfrage glücklicherweise ziemlich leicht zu durchschauen ist:

2008 2010 2011
Latour 175,00 1.150,00 625,00
Lascombes 42,00 100,00 61,00
Leoville-Poyferré 37,00 118,00 72,00
Langoa-Barton 28,00 63,00 45,00

Das sind alles beispielhaft ausgesuchte Subskriptionspreise der jeweiligen Jahrgänge. Wir sehen also, wenn wir 2010 mit 2011 vergleichen, ganz erhebliche Nachlässe. 30% bis hoch zu 60%. Das klingt doch fast so, als hätten vom Konzernlenker bis zum Familienbetrieb in Bordeaux alle verstanden, das man in einem schlechteren Jahrgang mit den Preisen runter muß, wenn man sie in besseren Jahren so massiv erhöht hat wie hier in 2009 und 2010 geschehen. Aber halt, blicken wir auf den wahrscheinlich ebenfalls besseren Jahrgang 2008, sieht das schon wieder ganz anders aus. Die Nachlässe sind nicht annährend so hoch, wie die Preiserhöhungen der letzten beiden Jahre. Somit wird der wohl schlechtere 2011er teilweise um 70,80,90% teurer lanciert als der Jahrgang 2008. Unter dem Strich bleibt also eine drastische Preiserhöhung übrig. Also trotz der schönen Worte und der erheblichen Abschläge alles in allem mal wieder nur ein Taschenspielertrick, um den geneigten Weinliebhaber, also uns, und man verzeihe mir bitte die deutliche Wortwahl, zu verarschen?

Nun sind das ja auch nicht alles Idioten in Bordeaux. Geldgierig ja, aber nicht dumm. Die Frage nach dem Warum ist damit schnell beantwortet: Natürlich versuchen sie immer den höchst möglichen Preis für ihre Ware zu erzielen, das machen von Procter & Gamble über Unilever bis zu den Erdölkonzernen ja alle so. Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, sei es, weil die Nachfrage tatsächlich da ist (2009) oder man einfach das Angebot künstlich verknappt (2010), funktioniert das auch. Sicher, die Erntemengen in 2011 waren geringer als in den letzten Jahren und es ist auch richtig, das heutzutage in Bordeaux auf Grand-Cru Level keine wirklich schlechten Weine mehr gemacht werden. Aber woher nimmt man dort den festen Glauben, das wieder eine ausreichende Nachfrage für ein mäßiges Produkt zu völlig überzogenen Preisen da sein wird? Vor allem, wenn alle Signale aus der realen Welt auf Sturm stehen?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder hält man uns Weintrinker für so dumm, das wir das  Gaunerstück mit der faktischen Preiserhöhung nicht durchschauen. Oder aber man ist dort in eine klassische Falle getappt: Man passt nicht sein Weltbild der Realität an, sondern die Realität seinen Wünschen, Vorstellungen und Ansichten. Wäre beides nicht das erste Mal, und es ist nur selten besonders gut ausgegangen…

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Eine Antwort auf Bordeaux 2011 oder die Psychologie der Wahrnehmung

  1. ralph sagt:

    Kann euch nur beipflichten, die Preise sind viel zu hoch. Werde auch die Finger von BDX 2011 lassen. Es gibt so viele andere schöne Sachen, wie z.B. Rhone 2010. Da werde ich mich schön eindecken. Grüße ralph

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