Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1994, Château Destieux 2000, Rollan de By 2005 und noch mehr

Kaum war das Hitzefrei deklariert, musste ich mich sozusagen als Streikbrecher betätigen, denn zum Abend hatten sich Freunde aus dem hohen Norden angesagt und erwarteten eine ordentliche Bewirtung, natürlich mit feinstem Roten aus dem Keller. Das Opfer war aber nicht allzu groß, die Temperaturen dank leichter Brise auf der Terrasse gut erträglich.

Enttäuschend: Rioja Conde Valdemar Crianza 2005, in guter Form hingegen Serradenari Barolo 2006

Den Anfang machte die Conde de Valdemar Crianza 2005 (g, jetzt bis 2016, ca. 8,50 EUR). Erkennbar  Tempranillo (90%), Grenzgänger zwischen modernem und traditionellen Rioja-Stil. In der Nase eher rotfruchtig, Kirsche, Tabak, Leder, etwas Zeder, leicht staubige Erdigkeit. Am Gaumen immer noch mit massiver Säure, heller, transparenter Frucht, leichten Würznoten, wirkt stellenweise sogar etwas grasig, noch merkliches Tannin. Es ist zwar alles da, aber wirkt für den Jahrgang sehr harsch und zu unausgewogen.

Der Tenuta Serradenari Barolo 2006 (gg-ggg) ist im Moment in einer guten Phase, das Tannin ist schon etwas besser integriert, zeigte nun auch jede Menge Rosen, Lakritze und etwas schwarzen Tee. Saubere Frucht, Kirsche, Brombeere, langer, feiner Abgang. Einfach ein toller Wert.

Mein bisher bester ’94er Bordeaux – Pichon Comtesse, ebenfalls in guter Form Destieux 2000, Rollan de by 2005 braucht noch etwas Zeit

Ebenfalls deutlich besser als vor einem Jahr zeigte sich der Château Destieux 2000 Saint Emilion Grand Cru (ggg+, jetzt bis 2016). Den sah ich damals auf seinem Höhepunkt, aber so kann man sich irren. Deutlich dichter, typische St. Emilion Nase aus Kirsche, Pflaume, Kaffee, Schokolade und Leder. Am Gaumen fleischig, kräftig und intensiv, gute Balance, tolle Extraktsüße und tiefe, relativ komplexe Frucht, langer Abgang. 2000 ist defintiv ein unterschätzer Jahrgang.

Wenn man von unterschätzten Bordeaux-Jahrgängen spricht, darf 1994 natürlich nicht fehlen. Aus einer perfekten Flasche zeigte sich  Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1994 in absoluter Bestform (gggg, jetzt bis 2016). Ein mustergültiger Paulliac, in der Nase mit der für eine reife Comtesse typischen exotischen Cassisfrucht, Zeder, Graphit, Cigarbox, Pilzen und Waldboden. Am Gaumen fehlt die allerletzte Struktur, Vielschichtigkeit und vielleicht etwas Druck, aber der Wein präsentierte sich einfach verführerisch und elegant, geschliffen, rund und mit seidiger Textur. Feinfruchtiger, extraktsüßer Kern, Cassis, rote Johannisbeere, Kirsche, perfekt aufgelöstes Tannin im langen Abgang. Der beste 94er Bordeaux, den ich bisher im Glas hatte, keine Spur von der etwas unreifen Rustikalität, die manch anderen Wein aus dem Jahrgang heimsucht. Nur 12.5% Alkohol, und wer eine Flasche zu einem fairen Kurs findet, kann hier noch zuschlagen (siehe Postscriptum).

Aus Abend wurde Nacht, die Flaschen leerten sich zusehends, also musste ein Rollan de By 2005 (gg) in die Bresche springen. Vielleicht doch noch etwas zu jung für Pop & Pour, das Holz aber schon deutlich besser integriert als noch im letzten Jahr. Dichte, kräftige Frucht, Cassis, Kirsch, Zeder, Rauch, tolle Erdigkeit, klassischer Médoc aus einem großen Jahr,  trotz des modernen Holzeinsatzes.

Kurz bevor sich die Runde auflöste gab es dann noch eine große Flasche Chimay Premiere Brune. Trappistenbier statt Reparaturwein hat sich schon häufig bewährt, richtig gekühlt immer ein Genuß.

PS: Bei der Pichon Comtesse 1994 ist die Flaschenvarianz wohl extrem. Wer Glück hat bekommt einen tollen Wein wie wir an diesem Abend, aber sehr viele Flaschen sind  deutlich schlechter. Unter den Umständen ist ein Nachkauf wohl doch nicht empfehlenswert.

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