Blindprobe Spätburgunder-Mosel mit zwei Piraten

21-mal Spätburgunder in Socken

Alle pünklich da, die am Abend zuvor geöffneten Weine aufgereiht, Gläser auf den Tisch, ein paar einführende Worte von Marco und los ging’s!

Denn schließlich galt es, konzentriert 21 Spätburgunder und Pinots, aufgeteilt in drei Flights, blind zu verkosten. Von leicht nach kräftig, von wenig bis mehr Holz, von schlank bis substanzreich, von frucht- bis tanninbetont vorsortiert, gingen die Weine von Mosel, Saar und Ruwer verdeckt ins Rennen, zusammen mit jeweils einem Piraten von der Ahr und aus dem Burgund, die entsprechend platziert wurden.

In enspannter und offener Atmosphäre verkosteten wir in der Summe Weine auf gutem bis herausragenden Niveau, was uns positiv überrascht hat. Sicher konnten nicht alle Weine überzeugen, aber es gab auch keine echten Ausfälle, was für die Produzenten spricht. Während man in anderen klassischen Spätburgunder-Regionen einen vergleichsweise einheitlichen Stil pflegt, zeigten die Pinots von Mosel, Saar und Ruwer stilistisch eine grosse Vielfalt und auch die eine oder andere individuelle Interpretation, so daß für jeden Spätburgunderliebhaber etwas dabei sein sollte.

Wir haben uns dafür entschieden, die Weinbeschreibungen nach den Erzeugern zu ordnen. Die Reihenfolge entspricht aber auch ungefähr der Abfolge in der Verkostung.

Hofgut Falkenstein, Konz (Saar): Die drei Weine aus dieser leichten, säurebetonten Kollektion hatten einen schweren Stand.

Am ehesten gefiel der saubere, trinkige Niedermenniger Sonnenberg, Kabinett trocken 2010 mit 11% Alkohol. Ein Wein der, wie Burkhard Jung treffend bemerkte, “durchaus seine Berechtigung hat” und beim abendlichen Leertrinken der Flaschen, zu dem ich Freunde eingeladen hatte, vor allem bei den Damen durchaus guten Anklang fand. Ein süffiger Stoff. (g+)

Die Auslese trocken 2009 aus derselben Lage mit mehr Holzfassausbau hatte zuviel süß-“kitschige” (Axel Biesler) Frucht, bei zugleich unreifen Noten und schlecht eingebundenem Alkohol (g-), die 2011er Spätlese aus dem Herrenberg hatte zwar einen ordentlichen Saft, aber auch eine störende Bitterkeit am Gaumen (g).

Dass der leichte fruchtige Stil wunderbar funktionieren kann, zeigte dann eindrucksvoll der Enkircher Monteneubel 2010 vom Weingut Immich-Batterieberg aus Enkirch (Mosel). Hier sind die 11 % Alkohol kein Showstopper, sondern eines der Stilmittel, die diesen höchst individuellen, spontanvergorenen Wein zu einen trinkigen Vergnügen machen.

Der Monteneubel ist ein duftiger, kühler Stoff mit leckerer, saftig-wilder Cassis- und Brombeerfrucht und animerendem, sauerkirschigem Trinkfluß. Man kann ihn jetzt schon mit Genuß trinken, wenn man ihn ausreichend dekantiert, er hat aber auch noch Potenzial zur Flaschenfreifung. Ein mutiger, individueller Spätburgunder mit vitaler Eigenart. Wer empfindlich gegen Säure ist, sollte jedoch die Finger von ihm lassen. (gg-ggg) 19,- € ab Hof

Für den ersten Aha-Effekt der Probe sorgte indess der 2009er Spätburgunder vom Weingut Stephan Steinmetz aus Wehr an der südlichen Weinmosel, was nicht nur daran lag, dass dieser Wein der Reifeste im ersten Flight war. Hier, wo die Mosel Grenzfluß zu Luxemburg ist, bestimmt nicht der Schiefer, sondern der Muschelkalk die Böden und sorgt für fruchtbetonte, elegante Weine, was auch der 2007er Spätburgunder des Weingutes zeigte. Beide sind Beispiele für reife, klassische Pinots mit guter Struktur und Nachhaltigkeit, die Stephan Steinmetz durch angemessen bitterschokoladigen und ätherischen Barriqueausbau gekonnt in Szene setzt. (2009: gg+, 2007: gg-ggg) Für 10,50 € ab Hof sind beide zusammen mit dem Haus Klosterberg von Markus Molitor klare Preis-Leistungs-Sieger, vor allem der gut gereifte “französische” 2007er, mit feiner Extraktsüße und gutem Schmelz ist eine echte Empfehlung zur Martinsgans.

Ebenfalls sehr gut gefielen uns der 2009er und 2011er Spätburgunder vom Weingut Dr.Siemens aus Serrig an der Saar. Während der saftige 11er mit seiner pflaumigen Frucht, seinem feinkörnigen Tannin und süßwürzigem, gekonntem Holzfaßausbau, feiner Extraktsüße und Fülle zum jetzigen Genuß absolut empfehlenswert ist (ggg-),  ca. 18 € ab Hof), wirkt der ebenfalls sehr gute 2009er momentan verschlossen und unharmonisch, deutet aber weiteres Reifepotenzial an und wird am Ende vielleicht die Nase vorn haben (gg-ggg).

Der 2010er Spätburgunder des Hauses fiel gegen diese Beiden hingegen deutlich ab. Er böckste etwas und hatte gleichzeitig einen Alterungston, was in dieser Kombination nicht wirklich passt. Recht scharfes Tannin, hervortretender Alkohol und fehlende Substanz taten den Rest (g-).

Winzer Stefan Steinmetz vom Weingut Günther Steinmetz aus Brauneberg hat nicht nur ein Händchen für Riesling.  Seine spontanvergorenen, mineralischen Spätburgunder sind durch die Bank gelungen und sehr eigen. Sicher keine Plüschhäschen, sondern anspruchsvolle, schlanke Weine mit frischem Säurenerv, die alle dekantiert werden sollten.

Sein 2010er Basis-Pinot Noir aus der Mülheimer Sonnenlay zeigt diffuse himbeerig-kirschige Frucht, Liebstöckel, aber auch ordentlich Tannin und etwas unreife Säure. Ein zupackender, leichter Wein mit deutlichen Vergärungsnoten, der mindestens noch 2-3 Monate abhängen sollte. 9,80 € ab Hof (g+)

Auch der 2010er Kestener Herrenberg Pinot Noir kann seinen Jahrgang und die Spontanvergärung nicht verleugnen. Er braucht auch noch Zeit, um seine Säure zu integrieren. Kirsch und Sauerkirsch, Pinot-Würze, subtiler Holzausbau, auch etwas Oliventapenade, Soja, was man sonst so nur von der nördlichen Rhône kennt. Unglaublich salzig und mineralisch am Gaumen. Ein sehr eigenwilliger Wein, gerne auch zum Einlagern. Alex Favorit der Probe (ggg-) 18,-€ ab Hof .

Der 2009er Kestener Herrenberg Pinot Noir hat einen deutlich reiferen Charakter. Ebenfalls mit schöner Kirsche ausgestattet, kommt bei ihm auch Pflaume ins Spiel. Zeigt mehr Holz als der 10er, was zusammen mit den reifen Tanninen und einer angenehmen Extraktsüße für einen schokoladigen Touch sorgt. Trotzdem eindeutig auf der flüssigen Seite. Nicht so mineralisch wie der 10er, dafür runder und dichter, zeigt noch nicht alles. Sollte noch weiter reifen (gg-ggg) 18,-€ ab Hof.

Der Graacher Himmelreich 2009 Pinot Noir trocken braucht sehr viel Luft und war deshalb erst zwei Tage nach der Probe voll da – zum Glück konnte Marco dies noch begutachten. Während der Verkostung zeigte er sich eher schlecht. Hat etwas mehr Druck als der 09er Kestener, scheinbar jahrgangstypisch neben der Kirsche wiederum auch Pflaume, alles begleitet von rauchigem Holz. Gute Extraktsüße, tragende Säure, mineralisch salziger Abgang. Kann auch noch lagern. Gefiel Marco besonders gut. Im Vertrauen auf seine Urteilsfähigkeit (gg-ggg) 19,- €, exklusiv bei Weinhaus Minarski, Trier

Leider nicht so gut gefallen haben uns in ihrer altbackenen Art die beiden Spätburgunder vom Weinerbhof-Stein aus Bullay . Der 2007er Spätburgunder wirkte unsauber und trotz opulenter Rumtopfaromatik fehlten ihm echter Schmelz und Tiefe (-). Der 2009er zeigte sich ähnlich unausgewogen, aber besser als der 2007er (g).

In ein ähnlich hochreifes Horn bläst auch der Vertreter der Ruwer vom Projekt 156 von Kai Hausen. Dafür gibts es beim Pinot 2009 aber auch mehr reife Substanz. Opulente, mürbe Kirschfrucht, ordentlich Körper. Zwar mit sehr gutem Holz, leicht ätherisch mit Karamell und Crème brûlée, für unseren Geschmack aber von allem deutlich zuviel. (gg-)

Ohne Zweifel sind die Spätburgunder vom Weingut Markus Molitor an der Mosel zur Zeit noch eine Klasse für sich. Schon der Basiswein Haus Klosterberg überzeugt, die beiden Lagenweine kann man mit Fug und Recht in der deutschen Spitze verorten.

Der Haus Klosterberg 2009 ist ein kompakter, hervorragend strukturierter Lehrbuch-Pinot, der alles richtig macht. Nicht übermäßig konzentriert, harmonisch, ausbalanciert und mit feiner Extraktsüße ausgestattet, saubere Frucht von Kirsche und Waldbeeren, leichte Pinot-Würze, mineralisch. Feinstes ätherisches Holz. Hält nach. Großes Kino für kleines Geld (ggg-) (ca. 14 € ab Hof)

Der Brauneberger Klostergarten** Pinot Noir 2009 ist ein duftiger, tiefgründiger Pinot mit würziger Schiefernote und erstklassigem Barriqueausbau. Französische Klone. Komplexe Nase mit reifer Kirsche, Brombeere Lakritz, Bitterschoki und Zeder.Am Gaumen intensiv und noch jugendlich kompakt mit feinsten, festen Tanninen und ausgewogenem, feinsaftigem Mundgefühl. Sauerkirschiges Finish, das Lust auf mehr macht. Macht schon jetzt sehr viel Spaß und hat noch Einiges vor sich  (ggg-gggg),
noch nicht im Verkauf, wird wohl zwischen 35,- und 40,- € kosten

Trarbacher Schlossberg** Pinot Noir 2009: Der kraftvollste und tiefste Wein der Probe. Mit druckvollem, zugleich elegantem Körper und feinem Schmelz. Rauchiges Holz, bitterschokoladiges, reifes und reifebedürftiges Tannin. Feine Süße. Feinfruchtig, Kirsch, Cassis, Pflaume. Tolle animierende Säure. Salziges Mineral. Gibt noch nicht soviel her, wie der Brauneberger, hat aber sicher noch mehr Potenzial. Ein Spitzenwein mit grosser Zukunft. (gggg)noch nicht im Verkauf, wird wohl zwischen 35,- und 40,- € kosten

Unsere beiden Piraten kamen im Kontext ziemlich schlecht davon.

Der Cossmann-Hehle 2010 vom Deutzerhof (Ahr) verfügte zwar über eine gute Reife, Saft und Typizität, wirkte aber bereits etwas gezehrt und metallisch. Stark erdiger Duft. Das hätte ihn verraten können (g+).

Das Verkosterteam v.l.n.r.: Alex (betterwine), Iris Esser (Gasthaus Esser´s, Köln), Burkhard Jung (Weinhandlung 12°, Köln), Axel Biesler (Sommelier, Köln), Andreas Moll (Meine Südstadt, Köln), Marco (betterwine)

Eine richtige Enttäuschung bereitete uns der Bourgogne 2009 von der Domaine Meo-Camuzet, der sicher kein schlechter Wein ist, aber in der Blindverkostung nicht als Burgunder, sondern in seiner etwas rustikalen, jovialen Art mit viel Sauerkirsche, Marzipan- und Pilznoten als Sangiovesewein wahrgenommen wurde. Das ging allen Verkostern zu weit am Thema vorbei, abgesehen davon, dass der Preis von knapp 30,- EUR im deutschen Fachhandel auch für einen guten Chianti Classico nicht hinnehmbar wäre (-).

Vielen Dank nochmal an alle Weingüter für die kostenlose Bereitstellung der Weine, auch wenn unser Urteil vielleicht nicht immer ganz positiv ausgefallen ist. Dafür ist es gewissenhaft und ehrlich. Danke auch an alle Mitstreiter, die sich mit uns durchprobiert haben und ein differenzierteres, ausgewogenes Bild erst möglich gemacht haben.

Unser Fazit: Spätburgunder von der Mosel ist ein spannendes Thema. Neben den individuellen Macharten, überzeugen die Leichtigkeit und der Trinkfluß der Weine. Selbst die 14%-igen Lagenweine von Molitor besitzen ausreichend davon und scheuen keine Konkurrenz. Man darf gespannt sein, wie sich das Anbaugebiet, was den Spätburgunder angeht, in den nächsten Jahren entwickeln wird. Die Basis ist gelegt.

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2 Antworten auf Blindprobe Spätburgunder-Mosel mit zwei Piraten

  1. marco sagt:

    Hallo Oliver,

    freut uns, dass Dir die beiden Pinots geschmeckt haben.
    Beide sind stilsicher und vorallem lecker und dass zu einem absolut fairen Preis. Ich werde mir da auch noch was besorgen, Weihnachten naht.

    Grüsse
    Marco

  2. ooliver hauck sagt:

    Hallo
    Habe die zwei Pinots von Stephan Steinmetz geordert und jeweils probiert .Der 2007 ist wahrlich auf dem Höhepunkt und einfach genial für mich sogar der beste Deutsche Pinot den ich getrunken habe zu einem unschlagbaren Preis.Der 2009 braucht noch ein wenig ist aber auch schon genial.Muss gestehen das ich vorerst zwei von jedem bestellt habe und die vier Flaschen waren im nu weg.Habe nun neu geordert .
    Toller Wein

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