Bordeaux 2010: La Tour Carnet, Ormes de Pez, La Grolet Tête de Cuvée und Montfollet Altus in der Arrivage

Am Anfang steht noch immer der Korken

Die 2010er Primeur-Kampagne ist anscheinend bei vielen Weingütern im Bordelais nicht so gut gelaufen wie ursprünglich erhofft. Auf den französischen Foires aux Vins waren großzügige Allokationen vieler Grand Crus im Angebot, aber selbst dort hielt sich der Ansturm in Grenzen, obwohl die Preise im Vergleich zur Subskription schon deutlich reduziert waren, im Schnitt um ca. 20%. Die Weine sind selbst dann einfach immer noch sehr, sehr teuer. Wir selbst haben deshalb auch sehr zurückhaltend eingekauft und uns dabei auf die kleinen, sicheren Werte beschränkt wie z.B. Rollan de By oder Poujeaux. Für einen ersten Test der noch recht frisch abgefüllten Weine haben wir dieses Wochenende die folgenden Weine entkorkt und über mehrere Tage beobachtet.

Matronenhaft und nuttig: Montfollet Altus 2010

Zur Einstimmung eine Flasche Château Montfollet Altus 2010 aus der Satellitenappellation Côtes de Bourg (g-) (8,90 EUR, Trinkfenster jetzt – ?). Eine Cuvée aus 95% Merlot und 5% Malbec. Bringt all das ins Glas, was zumindest ich in den Monsterjahrgängen 2009 und 2010 nicht haben will: In der Nase sehr eindeutig, eingekochte rote Frucht, Kirsche, Rumtopf Schokolade und etwas Marzipan. Am Gaumen eher unharmonisch, die Säure spitz, man merkt ihm seine 15% (!) Alkohol an. Ansonsten rund und dick, undifferenzierte, kirschige Frucht, schokoladig-vanilliges Holz, merkliches Tannin, bleibt im kurzen Abgang leicht bitter nach. Ein nuttig geschminkter Übersee-Merlot aus Bordeaux.

 

Ein biodynamischer Vorzeigewein: Klassisch, balanciert und mit Lagerpotential

Das es am rechten Ufer auch ganz anders geht, zeigt die Tête de Cuvée des Château La Grolet 2010 (ggg-) (11,90 EUR bei Weinkosmos, Trinkfenster 2016-2024). Ich hatte den Basiswein des Château aus 2010 schon vor ein paar Wochen probiert, bin damit aber nicht so richtig klar gekommen. Am Anfang laktisch und floral, später sehr viel dunkle, primäre Frucht und ein tolles Tannin, aber kaum Struktur. Der ebenfalls biodynamische an- und ausgebaute Prestigewein, über den wir hier sprechen, kommt in die Barriques als Erstbelegung  mit vorselektioniertem Lesegut (nur 25hl/h Ertrag von 40 Jahre alten Reben, 85% Merlot, 15% Cabernet Sauvignon) und das merkt man deutlich.

In der Nase wilde Kirschen, Cassis, vielschichtige und feine rote und schwarze Beeren, mineralisch, stellenweise auch floral, Schokolade, Röstaromen und Tabak. Am Gaumen mit packender Säure, leichtem bis mittlerem Körper, Kirsche, Pflaume, kristalline, rote Beeren, schöne mineralische Noten, kräftiges, aber superfeines Tannin, gut dosiertes Holz mit Schokolade und Röstaromen. Toller, animierender Trinkfluß, typische kristalline Vin Naturel Textur, gekonnter und wohldosierter Holzausbau. Klassischer Bordeaux mit nur 13% Alkohol und einem unglaublichem Preis/Leistungsverhältnis. Ich habe nachgekauft – und das kann ich  euch auch nur empfehlen.

Ein saftiger, femininer Typ mit viel dunkler Frucht ist der Ormes de Pez 2010. Braucht noch Zeit.

Der Château Ormes de Pez 2010 (gg-ggg) ( 25,99 EUR, Trinkfenster 2018-2028, 57% Cabernet Sauvignon, 34% Merlot, 14% Alkohol) aus Saint Estephe braucht jede Menge Luft, zeigt sich anfangs völlig verschlossen und wird von seinem exotischen Holz dominiert. Am dritten Tag dann zugänglicher, in der Nase mit Cassis, Kirsche, Kokos, Kaffee und Röstaromen, mineralische Anklänge. Am Gaumen dann für einen Ormes de Pez sehr gehaltvoll und saftig, dichte und süße Frucht von Johannisbeere, Blaubeere und Kirsche, Mineralität und Würze sind zur Zeit nur angedeutet, im Abgang feines aber sehr kräftiges und trocknendes Tannin, das Holz immer noch sehr mächtig mit Noten von Schokolade und Kaffee. Ein schöner Erfolg, besser als 2009, aber auch modern und uniform, leider keine St.Estephe Typizität.

Crowd Pleaser mit viel Charakter und Substanz: La Tour Carnet 2010

Zum Schluß noch eine echte Überraschung, der Château La Tour Carnet 2010 (ggg+) (24,90 EUR, Trinkfenster 2016-2024, 60% Merlot, 34% Cabernet Sauvignon, 14% Alkohol). La Tour Carnet ist eines der vielen Weingüter des Flying Winemakers Bernard Magrez. Marco und yours faithfully verfolgen den Wein nun schon seit 2005 – der hatte immer etwas von einem Showcar. Sehr konzentriert, sehr druckvoll, sehr viel Holz. Technisch immer ganz vorne, aber auch immer etwas gemacht und ohne Persönlichkeit. Der 2010er Jahrgang ist da anders. Natürlich immer noch perfekt ausgebaut und auf den ersten Blick ein Crowd Pleaser, aber diesmal sehr gut ausbalanciert und mit Substanz und Charakter.

Täuscht listig eine erste Zugänglichkeit vor, in der Nase mit Noten von Schwarzkirsche und etwas Cassis, Cabernet-Würze, Lakritze, Mokka, Schokolade, noch mehr frisch gebrühtem Kaffee, stellenweise sogar Minze. Am Gaumen von mittlerem Körper, frischer Säure, saftig und druckvoll, muskulös strukturiert und gleichzeitig mit einer seidigen Textur. Kirsche, Pflaume, dunkle Beeren, durchaus vielschichtig, erdig, mineralisch-salzig, im langen Abgang sperriges, aber feines Tannin, frisch gebrühter Kaffee, Bitterschokolade, hält nach. Jetzt schon ein geiler, relativ  vielschichter Spaßwein, der aber mit deutlich mehr Reife seinen Charakter und das komplexe Terroir zeigen wird. Nicht günstig, aber auch eine klare Kaufempfehlung.

PS: La Tour Carnet und Ormes de Pez gibt es z.B. bei Gute Weine Lobenberg noch zu den (relativ hohen) Subskriptionspreisen. Besser jetzt noch nicht kaufen und abwarten.

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