Ein neuerliches Tränental? Weiße und Rote beim Discounter: Aldi (Süd)

Weine von Aldi-Süd: Naja, naja, naja…

Nachdem Alex sich im letzten Jahr schon mit Rotweinen von Lidl auseinandergesetzt hat, habe ich mir jetzt ebenfalls ein paar Flaschen Vino beim Discounter (diesmal Aldi-Süd) geschnappt, um diese in Augenschein zu nehmen.

Man kann zu den Discounterweinen denken was man möchte, sie verkaufen sich nun Mal sehr gut.

Ich verkneife mir hier eine ausführliche Kontroverse über den Inhalt der Flaschen, was deren “Geschichte” angeht, möchte aber vorwegschicken, dass ich persönlich das System (billig, billiger, am billigsten), das hinter den Discounterweinen steckt, nicht unterstütze und eigentlich nie beim Discounter Wein kaufe.

Damit möchte ich aber auch die Moralkeule wieder einpacken und einfach nur das bewerten, was ich in den mehr oder weniger zufällig zusammengekauften Flaschen an Inhalt wiederfinde, ohne mich zu fragen, woher und wie das Zeug in die Märkte kommt, genau, wie es der Großteil der Kunden wohl auch macht.

Bei meiner Auswahl habe ich bewußt das absolute Kampfpreissegment ausgespart, und, bis auf einen italienischen Pinot Grigio, Weine um 5-6 € gewählt und am oberen Ende sogar einen Chateauneuf-du-Pape für knapp 10 €. Da kommt Aldi dann schon nahe an die Fachhandels- bzw. Ab-Hof-Preise bei Winzern und darf dann auch mit der Qualität deren Weine verglichen werden.

Der Leser möge mir glauben: Ich bin diese Verkostung ganz vorurteilsfrei angegangen und war neugierig auf die Weine, auch weil ich mir ein eigenes Bild machen wollte.

Da von Standardweinen bei allen Discountern ständig neue Abfüllungen in die Märkte kommen, habe ich jeweils die Lotnummer der Charge angegeben, da der Inhalt der Flaschen, je nach Abfüllung, unterschiedlich sein kann. Diese Nummer findet man auf den Rückenetiketten der Flaschen. Trotzdem kann man auch bei unterschiedlicher Abfüllnummer einen ähnlichen Inhalt erwarten, gleichmässige Qualität ist nämlich ein Hauptziel der Discounter.

Hier meine Notizen, die ich über die insgesamt dreitägige Verkostung gesammelt habe.

Unsere Bewertung ist für diese Verkostung recht übersichtlich: (g) bedeutet korrekter Wein, (gg) guter Wein. + und – zeigt Tendenzen, g-gg heißt, der Wein steht zwischen korrekt und gut.

Weißweine:

Pinot Grigio, Valdadige 2011, 2,59 €: Verhaltene, cremig-kräutrige und zugleich apfelig-zitrusfrische Nase. Im Geschmack recht stoffig und säurefrisch. Neutrale Frucht. Trocken ausgebaut. Sauber. Wegen seiner spürbaren, trocknenden Bitterkeit eher was zum Essen. Der Stoff ist geschmacklich im Rahmen, was aber auch daran liegt, das hier am Gaumen nicht so wirklich viel passiert. Trinkbar, dafür sollte er aber möglichst richtig kühl ins Glas kommen.

Abfüller Cantina LaVis, Abfüllung: L 12297, jetzt trinken, (g)

Edition Fritz Keller, Weisser Burgunder Baden 2011 (5,99 €) : Typische Weißburgundernase. Eher verhaltene Frucht. Pfirsisch, unreife Papaya. Kräuter und Blüten. Sogar ein wenig Mineral.

Auch geschmacklich recht angenehm. Füllig. Trocken ausgebaut, aber mit süßlicher würziger Frucht. Hat was von Müller-Thurgau. Ausgewogene Säure, etwas viel Bitterstoffe, die trocknend am Gaumen bleiben. Sicher ausdrucksstärker als der Pinot Grigio, dafür bei recht elegantem Duft, im Geschmack ein wenig breit. Auch besser zum Essen geeignet, denn als Solowein. Preislich gerade noch o.k..

Abfüller: Vitis Projekt GmbH Abfüllung: L 12/247, jetzt trinken (g+)

Rotweine:

Chateau Lalande d`Auvion Medoc 2009 (4,99 €): Ein Cru bourgeois aus dem Medoc, einer Appelation am Unterlauf der Gironde. Nach dem Öffnen viel staubiges Holz. Riecht erstmal nicht besonders angenehm. Mit Belüftung wid`s besser. Dann kommt sortentypisch Kirsche, Cassis, Minze und Paprika, alles bleibt aber diffus. Entwickelt später eine schräge Süße.

Am Gaumen kräftig, mit ordentlicher Cassis-Kirsch-Frucht, etwas unreifer Säure und recht scharfen Tanninen. Die Wärme des 2009er-Jahrgangs entwickelt sich dann mit zunehmender Belüftung heraus. Die Länge ist auch o.k..

Der Lalande d`Auvion ist ein rustikaler Wein mit ausreichend Herkunftstypizität, aber ziemlich sprödem Charme.

Zu dem Kurs wird man sich schwertun im deutschen Fachhandel überhaupt etwas Rotes aus Bordeaux zu bekommen. Wenngleich es dort viel wirklich Besseres für ein paar Euro mehr gibt.

mindestens 2 Stunden belüften

Erzeugerabfüllung, Abfüllung: L 11/255, jetzt und 2 weitere Jahre (g)

Guia Real Rioja Reserva 2008 (4,99 €): Wenn das Rioja ist, dann heißt Rioja für den Discounterkunden, zugeholzt und oxidativ. Im Duft Massen von anfangs staubigem dann süßem, vanilligem Holz, und wenig bis gar keiner Frucht. Mit viel Luft kommt undifferenzierte Süße, die Nase bleibt aber dumpf.

Am Gaumen dann erstaunlicherweise ganz süffig. Süße Fülle, die mit dem Holz alles zukleistert. Undifferenzierte, rotbeerige Frucht. Vordergründig dicht, bei näherem Hinschmecken jedoch eher dünn. Spürbare Säure und bitteres Tannin. Im Duft ein Wein für Bieber, im Geschmack, mit viel gutem Willen noch gerade in Ordnung, mich persönliche tötet aber der vanillige Nachgeschmack.

Für Vanille-Holz-Liebhaber ist das vielleicht ein trinkbarer Stoff, der diesen auch schmecken könnte. Mit einer Rioja-Reserva, wie es sie im Fachhandel gibt, hat das jedoch nichts zu tun. Die sind auch deutlich teurer. Wer wissen will, wie guter Rioja schmeckt, kann aber beispielsweise auf unseren aktuellen Wein des Monats zurückgreifen. Der kostet zwar knapp 3,- € mehr, ist aber im Vergleich mit dem Guia Real von Aldi eine Erleuchtung.

Abfüller: Criadores de Rioja, Abfüllung: L 12-179,  jetzt und 1 Jahr (g-)

Edition Fritz Keller Spätburgunder 2009 (5,99 €): Beim Reinriechen denke ich: “Hurra, ein richtig klarer Wein”. Etwas verhaltene, aber typisch deutsche Spätburgundernase. Kirsche, Himbeere, Schwarztee. Dezentes, gutes Holz. Auch ein bisschen Pflanzliches, so gehört es sich.

Im Geschmack frisch und fruchtig, mit gutem Saft, gutem Körper und guter Länge. Recht trocken ausgebaut. Sicher nichts Umwerfendes, aber ein recht substanzreicher Spätburgunder aus Baden, mit gutem Fluß und harmonischer Säure, den man zum Essen trinken kann. Sollte mindesten 1-2 Stunden belüftet werden. Angemessener Preis.

Abfüller: Vitis Projekt GmbH, Abfüllung: L 12/150.4017, jetzt und 1 Jahr (g-gg)

Chateauneuf-du-Pape 2011 (9,99 €): Chateauneuf bei Aldi. Ich staune. Diese Herkunft an der südlichen Rhone bringt Weine von Weltruf hervor, die dann allesamt natürlich wesentlich teurer sind.

Hochwertige Flasche, und, wenn man den Preis betrachtet, ein recht ordentlicher, wenn auch nicht vollständig überzeugender Inhalt. Wer knapp 10 € für einen Rhonewein investiert, darf, unabhängig von dem, was auf der Flasche steht, mindestens diese Performance erwarten, aber auch gerne mehr.

Das Positive: Der Wein hat Herkunftstypizität, die südliche Rhone ist sowohl was die Frucht angeht, aber auch von der angedeuteten Fülle her, nachvollziehbar.

In der Nase rote Beeren, süße Würze. Lakritz. Etwas grasige, unreife Noten im Hintergrund, die mit der Luft zurückgehen. Alles bleibt, auch mit ordentlich Luft, immer im grünen Bereich, entwickelt dabei aber, für meinen Geschmack, kein echtes Sexappeal.

Am Gaumen ist er füllig und mit ordentlichem Saft, aber auch grünem, trocknendem Tannin. Kirsch. Himbeere. Leicht alkoholisch. Schmeckt aber gut.

Der Stoff ist gar nicht so schlecht, bleibt jedoch austauschbar. Am dritten Tag entwickelt er dann im Laufe der Oxidation eine unangenehme Note von verbranntem Gummi.

Bei gutsortierten Fachhändler kann man sich sicher einen x-beliebigen, nominell kleineren Cotes-du-Rhone aus dem Regal picken und wird mindestens dieselbe Qualität bekommen, oft aber auch eine deutlich bessere.

Abfüller: Francois Martenot, Abfüllung: L12208A1, jetzt und 2 Jahre, (g-gg)

Was man bei den schlechtbewerteten Weinen bemängeln kann, ist die Reife der verwendeten Trauben.

Der Pinot Grigio erscheint mir entsäuert, was eine direkte Folge der fehlenden Traubenreife wäre. Beide Weißweine schmecken bitter. Der Weißburgunder ist o.k., kostet mit knapp 6 € aber auch was.

Bis auf den überholzten Rioja, sind die Rotweine handwerklich o.k.. Der Spätburgunder der Franz-Keller-Edition und der Chateauneuf sind ordentliche bis gute Weine, die preislich einigermaßen angemessen, aber keine Schnäppchen sind. Der Chateauneuf zeigt mit viel Belüftung unangenehme Noten.

Mein Fazit der Probe lautet: Es gibt wohl ganz ordentlichen Wein bei Aldi-Süd, aber selbst die teureren Weine, die ich probiert habe, sind in ihrem Preissegment wohl eher dröger Durchschnitt. An die wirklich billigen Weine bei Aldi trau ich mich auch gar nicht erst ran, denn unter einem bestimmten Preis, finde ich, braucht man nicht mehr ernsthaft über Wein zu philosophieren und sollte eher zu anderen Getränken greifen.

Der 2,59 € Pinot Grigio war für mich die untere Schmerzgrenze. Interessanterweise entspricht das ungefähr dem Durchschnittspreis, den ein Durchschnittsdeutscher für eine Flasche Wein ausgibt. Die Weine, die ich verkostet habe, liegen damit mehrheitlich deutlich über der allgemeinen Beute-Preisklasse der Discounterkunden, sind aber bestenfalls gleichwertig zu den Weinen des Fachhandels und dabei, wegen der hohen Produktionszahlen, nicht wirklich individuell.

Wer 5 bis 10 Euronen für eine Flasche Wein ausgeben möchte, dem würde ich den Gang zum Fachhändler nahelegen, da bekommt man am Ende des Tages den besseren Wein für sein Geld. Man kann, wenn es an der Kohle scheitert, auch einfach etwas weniger trinken, aber dafür Gutes, was dann nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Leber schont und hat sicher mehr Freude dabei.

Persönlich würde ich, auch ohne latente Abneigung gegen Discounter, keinen der Weine nochmal kaufen. Der Spätburgunder der Edition Fritz Keller ist aber richtig ordentlich für sein Geld. Der Chateauneuf boxt einige Klassen zu hoch und mir fallen sofort einige Cotes-du-Rhone ein, die ich deutlich besser und charakterstärker finde, deswegen landet auch er nicht in meinem virtuellen Einkaufskorb. In der Summe finde ich die Weine, frei heraus gesagt, banal und austauschbar.

Und bitte das Verkostungsergebnis nicht falsch verstehen. Das hier ist keine Discounterschelte, um der Schelte wegen, oder aus Überlegenheitsattitüde des versierten Weintrinkers heraus. Ich konnte den Weinen, die ich mir mehr oder weniger zufällig rausgepickt habe, einfach nicht so richtig viel Gutes abgewinnen, das ist nunmal so.

Vielleicht findet sich bei Aldi, oder anderen Discountern, der ein oder andere gute Wein. Das möchte ich nicht ausschließen. Schließlich ist das nur eine Stichprobe.

Bedenken sollte man dabei immer, dass man dafür auch einiges Durchschnittliches vor die Nase gesetzt bekommt. Wenn man mehr als 6,- € ausgibt, gibt es Vergleichbares anderswo sehr wahrscheinlich in Besser und Individueller.

Wein bei Aldi ist jetzt nicht unbedingt der Gang durch ein Tränental, vorallem, wenn man etwas mehr ausgibt, als 1,99 €. Der Weisheit letzter Schluß ist das Zeug aber auch nicht.

Als Entschädigung für diese Probenerfahrung werde ich heute abend erstmal eine gute Flasche Wein aufreissen.

Aber vom Winzer.  ;-)

P.S.: Wer sich von meinem Beitrag dazu motiviert fühlt einen Weinladen zu betreten und damit wenig Erfahrung hat: Keine Angst, Weineinkauf ist ganz einfach.

Laßt erstmal die Person, die Euch den Wein verkaufen möchte, auf Euch wirken. Ist Sie Euch sympathisch, seid Ihr im richtigen Laden.

Dann einfach sagen, was Ihr wollt: Leckeren Wein. That´s it!

Bei Weißweinen sind die deutschen Weißen in der Literflasche empfehlenswert. Sollte von einem Winzer oder einer Winzergenossenschaft stammen. Wer Säure ab kann: Riesling. Wer eher nicht: Weißburgunder, Grauburgunder. (guter Stoff kostet zwischen 6,- und 8,-€ pro Literflasche)

Für Rotweine sind zum Einstieg ausländische, vom Erzeuger abgefüllte Weine empfehlenswert: Spanien, Portugal, Südfrankreich, Rhone. Gibts zwischen 5-8 € die Buddel.

Ein Versuch lohnt sich!

 

 

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