Union des Grands Crus de Bordeaux Probe Jahrgang 2010 auf der ProWein – Überblick

Union des Grands Crus de Bordeaux Jahrgangsprobe 2010

Union des Grands Crus de Bordeaux Jahrgangsprobe 2010

Auch dieses Jahr haben wir uns wieder auf die Jahrgangsverkostung der Union des Grands Crus de Bordeaux begeben, um die aktuellen 2010er Rotweine zu begutachten. Der Jahrgang wurde ja im Vorfeld von einem Teil der Weinpresse durchaus kritisch betrachtet, was aber dann im Jubel der überwiegend anglo-amerikanischen Verkoster, allen voran unserem lieben Freund Robert Parker, der immer noch die öffentliche Meinung prägt wie kein anderer, in Vergessenheit geriet. So soll 2010 also der Stoff sein aus dem langlebige, komplexe Weinlegenden gemacht sind – mit hoher Säure, reifebedürftigem Tannin, gleichzeitig aber auch mit einer hochreifen, extraktreichen und üppigen Frucht und das alles in perfekter Harmonie.

Doch schauen wir uns erst einmal den ungewöhnlichen Witterungsverlauf der 2010er über die gesamte Reifeperiode an: Es war mal wieder sehr warm, aber nicht so heiß wie z.B. in 2003 und es gab insgesamt sehr wenig Niederschlag. Der August wurde vor allem Nachts recht kühl, was einen Teil der Säure bewahrte, aber weiterhin fiel kein Regen. So blieb es dann auch bis zur Ernte der letzten Cabernets im Oktober überwiegend trocken – die Trauben waren dehydriert, die Schalen dick und fest, dabei teilweise sogar schon rosiniert.

So ist dann in den Weinen zwar alles da, aber nicht in der sonst für einen guten Wein üblichen Harmonie – die Tanninentwicklung hat sich abgekoppelt. Das führt zu der eigentlich paradoxen Situation, dass das Lesegut möglicherweise überreifes, sattes Fruchtextrakt auf der einen und noch unreifes, harsches Tannin auf der anderen Seite liefert. Die Säure ist zwar höher als in 2009, aber nicht hoch genug, um mit dem Tannin und der hochreifen Frucht mitzuhalten. Dass mancher Wein trotz sehr hoher Reife mit prägnanter Säure ausgestattet war, wirft natürlich Fragen auf. Die Alkoholwerte sind ebenfalls wieder hoch, bei vielen zwischen 14 und 14,5 %, bei manchen sogar höher.

Alles in allem ist 2010 kein durchweg großer Jahrgang, sondern eher eine Laune der Natur, ein Jahrgang der Extreme mit Licht und Schatten. Es lässt sich wenig verallgemeinern, man muss Wein für Wein betrachten. Viele Chateaux haben sicher das Beste aus den Karten gemacht, die ihnen die Natur zugeteilt hat, aber nur sehr wenige hatten das Glück oder den richtigen Ansatz, um einen wirklich balancierten Wein zu füllen.

2013-03-25-14-26-00-686Insgesamt war unser Gesamteindruck dennoch gut – auf Grand Cru Niveau gibt es keine wirklich schlechten Weine. Was Selektion des Lesegutes, Kellerarbeit und Holzqualität angeht ist alles auf höchstem internationalem Niveau, was den Weinen dieser Preisklasse eine inhärente Qualität mit auf den Weg gibt. Wirklich groß haben sich aber nur sehr wenige Weine auf der Probe gezeigt, allerdings fehlten wie auch schon in den letzten Jahren sämtliche Premiers und nahezu alle Superseconds.

Soweit man überhaupt verallgemeinern mag, präsentierten sich viele Weine mit unausgewogener Struktur, füllig, hochextrahiert, manche sehr reif bis teilweise überreif, viele mit merklichem alkoholischem Feuer, eher wenig Terroir-Ausdruck und dabei mit einem sperrigen, unzugänglichen Tanninblock, der lange zum abschmelzen brauchen wird. Dazu kommt die übliche massive Neuholzbehandlung, die nur wenige dem Jahrgang angemessen zurückgefahren haben. Viele Weine wirken “zusammengestöpselt” – im Vergleich trank sich beispielsweise der 2005er Jahrgang zum gleichen frühen Entwicklungszeitpunkt wie aus einem Guß, mit mehr Kühle, Struktur und dem deutlichen besseren Tannin. Die meisten Weine haben fraglos Alterungspotential im Sinne einer langen Haltbarkeit, ob sie  aber wirklich die  Höhen erklimmen werden, wie es die hohen Parker-Bewertungen suggerieren, darf bei einigen sicher bezweifelt werden.

Auch wenn Bordelaiser Weinwirtschaft, Händler und Kritik uns das glauben machen wollen – der 2010er Jahrgang ist ganz sicher kein klassischer Bordeaux-Jahrgang. Die Weine sind ungefähr so klassisch wie RTL2 anspruchsvolles Fernsehen bietet – das hier sind überwiegend breitschultrige, hochextrahierte Brecher, denen einiges von dem abgeht, was einen klassischen Bordeaux ausmacht –  Frische, Kühle, mineralisch geprägte Textur und Festigkeit. Man kann das trotzdem mögen und es sind ja auch vielfach richtig gute Weine, aber typisch Bordeaux, im klassischen Sinne, ist das in vielen Fällen genauso wenig wie der 2009er Jahrgang.

Die Preise sind astronomisch hoch – was uns richtig gut gefallen hat liegt im Handel bei rund 150 EUR die Flasche, das Preisniveau ist aber vor allem auch bei den kleineren Crus sehr sportlich. Für einen wirklich großen Wein mag man ja vielleicht auch mal 100 Euro oder mehr anlegen, aber ob sich wirklich eine breite Masse findet, die für die einfach nur guten Weine 40 bis 70 EUR die Flasche bezahlt und diese kistenweise einlagert, halten wir für mehr als fraglich.

Die 2010er bewegen sich nicht wirklich bei den Händlern, so dass eine Preissteigerung in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich ist. Wer Geduld aufbringen kann sollte mit seinem Kauf noch etwas warten, schließlich werden die Weine in ihrer Entwicklung jetzt abtauchen und sich für wer weiß wie lang verschließen. Vielleicht wird es wegen des schwierigen Absatzes auch schon bald Preiskorrekturen geben.

Wie schon im letzten Jahr werden wir dann in den nächsten Tagen unsere Verkostungsnotizen zu den einzelnen Appellationen online stellen:

St. Emilion und Pomerol
Pessac-Léognan
St. Julien & PaulliacMargaux, Moulis, Listrac & Medoc

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2 Antworten auf Union des Grands Crus de Bordeaux Probe Jahrgang 2010 auf der ProWein – Überblick

  1. Rodenkopp sagt:

    Ja war alles nicht gut kein Wein kam auch nur in die Nähe von 12Vol. %.
    Die ganzen Weine, welche von Parker so hoch gelobt wurden, können mit vielen Weinen von der Ahr z.B. gar nicht mithalten.

    Der Cuvee X von Knipser ist ein besserer Bordeaux als es alle Weine auf dieser Probe überhaupt waren.

    Sehr gut verkostet sehe ich genau so,
    Werde eure Verkostungen in den nächsten Jahren gespannt verfolgen.

    Also nur weiter so Ihr seit die besten Bordeauxverkoster, die ich kenne.

  2. Durst sagt:

    Auch wenn ich nicht alle dargebotenen Weine probiert habe ( nach 25 BDX-Weinen ist bei mir um 11.00 Vormittags Schluß ) kann ich Eurem Bericht zustimmen. Hohes Kellertechnisches Niveau, überraschend massiver Alkohol, viele Weine scheinen offensichtlich “gemacht”. Fazit: Bordeaux hat seinen Status als unangefochtene No.1 Weinregion im qualitativen Bereich verloren. Offenbar wird versucht mit recht dicken, teils überholzten Weinen den aufstrebenden Konkurrenten Paroli zu bieten. Darunter leidet die Eleganz und Trinkbarkeit. Die Preise stehen daher bei vielen Weinen in keiner Relation zum Gebotenen.

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